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Aus dem Tal an den Strand: Wie Los Angeles bald schon das Silicon Valley konkurrieren könnte

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Die Küste von Los Angeles entwickelt sich zum bedeutenden Technologie-Standort und zur ernstzunehmenden Konkurrenz für das Silicon Valley. Kommt die nächste digitale Revolution aus einem Strandhaus statt aus einer Garage?

Am Venice Beach scheint die Welt noch in Ordnung. An der Küste Kaliforniens erlebt man Los Angeles in seiner kitschigsten Form – gespickt mit vielen Klischees und noch mehr Touristen. Skateboards und Fahrräder rollen die Promenade entlang, gestählte Körper wandern zur «Muscle Beach», und Surfbretter bahnen sich einen Weg durch die Menschenmasse.

Die Hipster und Hippies, die Surfer und Skater, sie sind Teil von jenem Los Angeles, das man seit Jahrzehnten kennt. Bald könnte ein neues Stereotyp Venice Beach erobern: Der Programmierer. Los Angeles entwickelt sich zum relevanten Technologie-Standort. In Anlehnung an das «Silicon Valley», das 550 Kilometer nördlich liegt und fast alle grossen Tech-Konzerne beheimatet, hat sich für die Küste von Los Angeles der Begriff «Silicon Beach» etabliert. Im vergangenen Jahr wurden hier gemäss «CB Insights» 3,5 Milliarden Dollar in junge Technologie-Start-ups investiert – drei Mal mehr als 2013.

Jungunternehmer pilgern genauso nach Los Angeles wie renommierte Tech-Konzerne, die an der kalifornischen Küste grosse Niederlassungen eröffnen. Während das Silicon Valley früher als Monopol galt, um zukunftsweisende Technologien und Produkte zu entwickeln, ist Los Angeles heute für viele eine akzeptable Alternative. Immer mehr Entwickler ziehen vom Norden Kaliforniens in den Süden. Hier, wo das Wetter besser, die Wohnungsmiete tiefer und der Strand wenige Gehminuten vom Büro entfernt ist.

Während im Silicon Valley ausserhalb der Firmencampusse nicht viel Leben existiert, ist am Venice Beach immer etwas los. Das Viertel ist lebendig, farbig und hat seinen ganz eigenen Charme. Mittagspausen verbringt man gemeinsam am Meer, und Ideen für neue Startups werden beim Surfen besprochen. Im Gegensatz zum Silicon Valley gibt es an der Silicon Beach zwar keine Elite-Universität, keine Wolkenkratzer und viel weniger Investoren, trotzdem entwickelt sich die Region zur ernstzunehmenden Konkurrenz für das Gegenstück im Norden.

Gegen den Strom

Dass die Silicon Beach heute global Beachtung findet, liegt hauptsächlich daran, dass ein damals 21-jähriger Teenager keine Lust auf Regenwetter hatte. Evan Spiegel ist Gründer und CEO von Snap, jener Firma, die mit ihrer App Snapchat die Tech-Giganten im Silicon Valley herausfordert. Wäre Spiegel im Jahr 2011 den traditionellen Weg gegangen, hätte er nach seinem abgebrochenen Stanford-Studium das erste Snapchat-Büro in Palo Alto oder in Mountain View eröffnet.

Genauso machten es schon die Gründer von Facebook und Google. Aber Spiegel verzichtete auf den Nebel in San Francisco und auf die Abgeschiedenheit im Valley, quartierte sich mit seiner Firma stattdessen direkt an der Strandpromenade von Venice ein. Ein ungewöhnlicher Schritt, der ihm anfangs zwar viel Sonne, aber gleichzeitig reichlich Häme einbrachte.

Der Erfolg gibt Spiegel jedoch recht. Im März ging sein Unternehmen für 24 Milliarden an die Börse und ist damit die erfolgreichste Technologie-Firma von Los Angeles. Und obwohl das Unternehmen mittlerweile rund 2000 Personen beschäftigt, hält der Gründer noch immer an diesem Standort fest. Statt dass die Angestellten in einem riesigen Campus unter einem Dach arbeiten – wie bei der Konkurrenz –, sind sie bei Snap auf Dutzende kleine Strandhäuser am Venice Beach verteilt.

Sonne, Strand und Snapchat

Dem Trend folgen nun die bedeutenden Tech-Unternehmen aus dem Silicon Valley, von denen in den vergangenen Jahren fast alle eine Niederlassung an der Küste von Los Angeles eröffnet hatten – unter anderem Google, Facebook, Twitter und Apple. Sie alle wollen in dem neuen Markt mitmischen. Neben den Grosskonzernen gibt es zudem immer mehr Start-ups und Investoren an der Silicon Beach.

Der Börsengang von Snap könnte der Entwicklung sogar einen zusätzlichen Schub geben, sagt Mark Suster, einer der wichtigsten Tech-Investoren in Los Angeles: «Dank ihren Firmenanteilen sind viele Snap-Mitarbeiter jetzt plötzlich zu Multimillionären geworden. Einige werden ihr Kapital nutzen, um selber Unternehmen an der Silicon Beach zu gründen – andere werden sich als Investoren betätigen und das Geld in neue Start-ups stecken. Davon kann die Region nur profitieren.»

Venice Beach wird gerade von Tech-Konzernen erobert. Das sieht man an den explodierenden Mietpreisen im Viertel. Man sieht es an den Schlagzeilen, die in den amerikanischen Zeitungen über das «neue Silicon Valley» («The New York Times») geschrieben werden. Aber man sieht es nicht, wenn man mit Flip-Flops und Badehose durch das berühmte Viertel streift. Von Hightech und Futurismus weit und breit keine Spur.

An einem Montag Ende Juni sind Liza und Krisella das einzige Indiz für die Veränderungen, mit denen sich Venice derzeit konfrontiert sieht. Die beiden Wachfrauen stehen nur eine Querstrasse von der berühmten Promenade entfernt, befinden sich aber in einer komplett anderen Welt. Statt knappen, knalligen Bikinis tragen sie graue Hosen und braune Polo-Shirts. Darauf prangt die Aufschrift «Snap Inc.».

Während man Liza und Krisella problemlos dem Technologie-Unternehmen zuordnen kann, sind die Bürogebäude, welche sie bewachen, nicht beschriftet. Kein Logo, kein Schriftzug, und auch online findet man nur inoffiziell Hinweise darauf, wo es in Venice überall Snap-Niederlassungen gibt. «Wahrscheinlich bist du auf dem Weg hierhin schon an zehn oder zwanzig Gebäuden von uns vorbeigelaufen», sagt Liza und grinst. Zwölf Stunden dauert ihre Schicht – von morgens um sechs bis abends um sechs –, danach werden sie und Krisella von der Nachtschicht abgelöst.

Dass Snap alle seine Gebäude überwachen lässt, kommt nicht von ungefähr. Denn der Tech-Boom in Los Angeles polarisiert: «Diese Firmen lassen die Mieten in Venice Beach ins Unermessliche steigen und vertreiben auf diese Weise Leute, die jahrzehntelang hier gewohnt haben», sagt Joe Pipersky, der selber mehrere Restaurants in Venice besitzt. Viele Anwohner wehren sich deshalb gegen die Invasion der Tech-Konzerne: «Man hat Angst, dass dadurch die Einzigartigkeit und die Lebendigkeit des Viertels verlorengehen, dass Venice Beach zum langweiligen, anonymen Fleck wird wie das Silicon Valley.»

Der (Sonnen-)Schein trügt

Fast wöchentlich wird gegen die Transformation von Venice Beach zur Silicon Beach protestiert. Dabei kommt es häufig zu Sachbeschädigungen. Deshalb lassen Tech-Konzerne ihre Büros rund um die Uhr bewachen und versuchen gleichzeitig, möglichst unbemerkt zu bleiben: Google beschäftigt Hunderte Personen in einem riesigen Campus ein paar Gehminuten vom Venice Beach entfernt – nach einem Firmenlogo sucht man aber vergebens. Auch das riesige Twitter-Gebäude, welches sich einige Kilometer weiter, in Santa Monica, befindet, ist von aussen unscheinbar. Während Tech-Konzerne im Silicon Valley mit grosser Kelle anrichten, wollen sie an der Silicon Beach nicht auffallen. Hier, wo es ums Sehen und Gesehenwerden geht, wo viele um jeden Preis auffallen wollen, müssen sich die visionären Firmen verstecken.

Dank Snap und einem Firmengründer, der keine Lust auf Regen und Nebel hatte, ist an der kalifornischen Küste ein Pflaster für innovative Ideen entstanden. Zwar ist die Technologie-Branche hier noch nicht so weit entwickelt wie im Silicon Valley, dafür gilt Südkalifornien als Mekka der Unterhaltungsindustrie. Hollywood liegt nur eine kurze Autofahrt von Venice Beach entfernt und könnte für die Zukunft der Tech-Industrie die entscheidende Rolle spielen. Denn in den vergangenen Jahrzehnten wurde im Silicon Valley die digitale Infrastruktur entwickelt. Künftig geht es vor allem darum, diese Plattformen auch mit Inhalt zu füllen – dafür sind die Leute in Hollywood Experten.

Die Silicon Beach hat Potenzial, auch wenn das verfügbare Land mittlerweile nicht nur sehr teuer, sondern auch äusserst knapp ist. Es gilt, die Entwicklungen genau zu verfolgen. In der Vergangenheit wurden innovative Produkte typischerweise in einer Garage im Silicon Valley entwickelt. Die revolutionären Geräte der nächsten Generation könnten jedoch in einem Strandhaus von Los Angeles gebaut werden.

Von Patrick Züst aus Los Angeles

Quelle: Schweiz am Wochenende 28.7.2017

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