Schlechte Arbeitsbedingungen in chinesischen Spielzeugfabriken
Foto: Solidar Suisse
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Pünktlich zum Kinostart des Disney-Films «Die Eiskönigin 2» enthüllt der neuste Toys-Report von Solidar Suisse die miesen Arbeitsbedingungen in chinesischen Spielzeugfabriken.

Verdeckte ErmittlerInnen der Arbeitsrechtsorganisation China Labor Watch haben im Auftrag der Schweizer Nonprofit-Organisation Solidar Suisse Undercover-Recherchen in fünf chinesischen Spielzeugfabriken durchgeführt. Zu den Auftraggebern der Fabriken gehören Disney, Hasbro, Mattel und Lego.
Der neuste Toys-Report (PDF) zeichnet ein düsteres Bild: «Schockierenderweise bestehen die Probleme, die in der Branche bereits bei der ersten Untersuchung festgestellt wurden, auch dieses Jahr weiter.»

Noch immer stammen zwei von drei Spielzeugen in der Schweiz aus China. Das Ziel sei es daher, «grosse Spielwarenunternehmen, die chinesische ArbeiterInnen ausbeuten, zur Verantwortung zu ziehen.

Prekäre Zustände in chinesischen Spielzeugfabriken

Prekäre Zustände in chinesischen Spielzeugfabriken

Die Recherche von Solidar Suisse und der Nichtregierungs-Organisationen China Labor Watch deckt erneut schwere Arbeitsrechtsverletzungen auf:

  • «Die Fabrik-Unterkünfte sind meist überfüllt und in prekärem Zustand, Bettwanzen sind keine Seltenheit.
  • Die ArbeiterInnen erhalten nur den Mindestlohn, der deutlich niedriger ist als für einen angemessenen Lebensstandard erforderlich. Die Angestellten verdienen einzig in der Hochsaison genug, wenn sie übermässige Überstunden machen.
  • Während der Produktionsspitzen leisteten die ArbeiterInnen in den untersuchten Fabriken 60 bis 126 Überstunden pro Monat (erlaubt wären 36 Stunden). In einer Fabrik arbeiteten Angestellte elf Tage am Stück.
  • Die ArbeiterInnen erhalten keine gesetzlich vorgeschriebene Schulung zur Arbeitssicherheit, die den Umgang mit giftigen Chemikalien und den sicheren Betrieb von Maschinen abdecken sollte.
  • In den Unterkünften der Fabriken sind die Bedingungen nach wie vor schlecht. Überfüllte Räume und mangelnde Hygiene sind ebenso üblich wie Bettwanzen oder das Fehlen von Warmwasser.
  • Nach wie vor gibt es keine unabhängigen Gewerkschaften. Viele Angestellte kennen daher ihre Rechte nicht.
  • Frauen machen geschätzt 60 Prozent der Angestellten in Spielzeugfabriken aus. Sie verdienen bei ähnlicher Fliessbandarbeit im Schnitt 35 Prozent weniger als Männer.
  • Frauen sind oft mit Beschimpfungen und sexueller Belästigung konfrontiert. Schwangere Arbeiterinnen erhalten keinen speziellen Schutz, etwa vor giftigen Chemikalien.»

Verschlimmert wird die Lohnsituation durch den Umstand, dass viele der Angestellten Wanderarbeiter sind, die einen grossen Teil ihres Gehalts an die Familie auf dem Land schickt

Westliche Konzerne und China-Fabriken am Pranger

Die untersuchten Fabriken beliefern laut Solidar Suisse unter anderem die globalen Konzerne Disney, Mattel, Hasbro und Lego. Aber auch deutsche Produzenten wie Simba Dickie, Schleich oder Ravensburger stellen einen Grossteil ihres Spielzeugs in China her. Diese seien an der nach wie vor ungenügenden Situation für die ArbeiterInnen mitverantwortlich, heisst es im jüngsten Report: «Indem die Markenunternehmen Druck auf die Preise ausüben, kurze Produktionsfristen setzen, die Fabriken zwingen, um kurzfristige Verträge und Aufträge zu konkurrieren, und maximale Flexibilität fordern, schaffen die multinationalen Konzerne die ausbeuterischen Bedingungen, die Jahr für Jahr in den Fabriken beobachtet werden.»

Markenunternehmen und Fabriken seien sich der inzwischen umfassenden Arbeitsgesetze in China sehr wohl bewusst, «dennoch nutzen sie im Interesse des Profits weiterhin Schlupflöcher und umgehen Gesetze», schreibt Solidar Suisse. Am Pranger stehen daher auch lokale Behörden, die die Augen vor den Rechtsverletzungen verschliessen.

«Seit Jahren versprechen uns die grossen Spielzeugmarken, die Produktionsbedingungen in ihren Lieferketten seien menschenwürdig, doch wir sehen davon nichts. Statt sich ernsthaft um bessere Arbeitsbedingungen in den Fabriken zu kümmern und bei der eigenen Einkaufs- und Preispolitik anzusetzen, wälzen die Konzerne die Verantwortung auf die Fabrikbesitzer ab», sagt Simone Wasmann, Kampagnenverantwortliche für faire Arbeit in Asien bei Solidar Suisse.

Was hat dies mit uns zu tun?

Aktuell finden Kassenschlager wie die «L.O.L Surprise»-Puppen oder der «Frozen Snow Globe» – ein Spielzeug zum neuen Kinderfilm «Die Eiskönigin 2» – ihren Weg in die Schweizer Kinderzimmer.

Der neue Disney-Animationsfilm läuft heute in den Kinos an. Mit dem Film «pushe Disney auch den Absatz von unfair hergestellten Spielzeugfiguren und Markenprodukten in der Vorweihnachtszeit», kritisiert Wasmann von Solidar Suisse.

Tatsächlich gibt es begleitend zum Film eine Schwemme an Spielzeug rund um die beliebten Filmgeschwister Anna und Elsa. Der Haken daran: «Vom Ladenpreis landet im Schnitt ein Rappen pro Spielzeug bei den ArbeiterInnen in den chinesischen Fabriken», schreibt das Hilfswerks Solidar Suisse.

Nachhaltig schenken

Solidar Suisse rät von Spielwaren ab, die auf einem Film basieren und entsprechend nur für kurze Zeit populär sind: «Nicht nur das Material soll überdauern, sondern auch das Interesse am Spielzeug.» Das ist leichter gesagt, als getan. Die Versuchung zu Weihnachten ist gross, den aktuellen Verkaufshit zu schenken. Die Nonprofit-Organisation gibt Eltern daher auf dieser Webseite Tipps, wie man nachhaltiger schenken kann.

Es wird besser – und zugleich schlimmer

Die NGO China Labor Watch dokumentiert bereits seit 2001 Menschenrechtsverletzungen in chinesischen Fabriken. Der neuste Report zeigt, dass sich gewisse Dinge durchaus zum Besseren verändert haben.

  • «Die tägliche Arbeitszeit ist von häufig über 14 Stunden auf durchschnittlich 11 Stunden in der Hochsaison gesunken.
  • Die Löhne sind gestiegen, da die lokalen Mindestlöhne angehoben wurden. Allerdings sind auch die Lebenshaltungskosten gestiegen, so dass der Mindestlohn nicht annähernd ausreicht.
  • Die Gesundheits- und Sicherheitsmassnahmen haben sich verbessert. Aber beispielsweise hochgiftiges, krebserregendes Benzol ist in China nach wie vor nicht verboten und wird in der Spielzeugindustrie weiterhin eingesetzt.
  • In früheren Jahren gab es Fälle von Kinderarbeit. Bei den letzten Untersuchungen wurden in Spielzeugfabriken keine Fälle von Kinderarbeit mehr gefunden.
  • Die Arbeitnehmenden werden nun auch bei Krankheit bezahlt.»

Allerdings gibt es auch beunruhigende Entwicklungen:

Seit seiner Machtübernahme im Jahr 2013 habe Präsident Xi Jinping die Repression gegen Menschenrechtsaktivisten verstärkt, die sich für die Rechte der rund 290 Millionen WanderarbeiterInnen in China einsetzen. Diese haben einen gesellschaftlich tiefen Status und aufgrund strenger Vorschriften kaum Möglichkeiten, ihren Hukou-Status zu ändern. Das heisst: Sie bleiben ein Leben lang MigrantInnen im eigenen Land.

Unabhängige Gewerkschaften gibt es nach wie vor nicht. Unter Mitarbeitenden von NGOs, die den Fabrikarbeitern beispielsweise rechtliche Hilfe bieten, gab es zuletzt offenbar willkürliche Verhaftungen. NGOs, die Fabrikangestellte über ihre Rechte aufklären, haben aufgrund der gestiegenen Repression ihre Aktivitäten zurückgefahren.

Quelle: Watson