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Foto: Pixabay
Schweiz am Wochenende

SVP-Nationalrat Giezendanner fordert Kopfhörerverbot für Velofahrer und Fussgänger

SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner will im Strassenverkehrsgesetz ein Kopfhörer- und Handyverbot verankern.

Der Aargauer SVP-Nationalrat und Geschäftsmann lässt nicht locker. Nachdem er sich bereits vor vier Jahren erfolglos im Nationalrat für ein Kopfhörerverbot für Velofahrer und Fussgänger bemüht hatte, will Ulrich Giezendanner (63) noch diesen Sommer einen zweiten Anlauf starten.

Denn beinahe täglich würden sich die Chauffeure aus dem Transport- und Busgewerbe über abgelenkte Velofahrer und Fussgänger beschweren: «Eigentlich bin ich absolut gegen neue Verbote», sagt der dreifache Familienvater. «Doch bei diesem Thema muss endlich gehandelt werden. Es braucht einen neuen Artikel im Strassenverkehrsgesetz, der das Velofahren mit Kopfhörern verbietet und bestraft.» Man müsse diese Verkehrsteilnehmer vor sich selber schützen, «denn sie gefährden nicht nur andere, sondern auch sich selber».

Freie Ohren

Nach den Sommerferien will Giezendanner das Projekt mit dem Arbeitstitel «freie Ohren» in seiner Fraktion besprechen, und er hofft darauf, dass er schon im Herbst einen Gesetzesvorstoss lancieren kann.

Dass Velofahren mit Musik in den Ohren gefährlich ist, zeigt auch die aktuelle Strassenverkehrsunfall-Statistik des Bundes: Waren es 2012 bei den Velofahrern noch 185 Unfälle wegen momentaner Unaufmerksamkeit, stieg die Zahl bis 2016 auf 236 an. Laut Antworten von verschiedenen Polizeistellen sind es vor allem jüngere Personen, die auf dem Velo Musik hören. Es werde aber auch viel telefoniert oder gar Nachrichten würden geschrieben während der Fahrt, heisst es aus Luzern.

Auch in Zürich ist die Problematik ein leidiges Thema: «Gerade in einer Stadt wie Zürich, wo die Verkehrsdichte enorm hoch ist, verträgt es keinerlei Ablenkung, egal von welchen Verkehrsteilnehmenden. Hier kann eine kurze Unaufmerksamkeit schon gravierende Folgen und entsprechende Konsequenzen haben», sagt Judith Hödl, Sprecherin der Stadtpolizei Zürich. Das vom SVP-Nationalrat geforderte Kopfhörer- und Handyverbot für Velofahrer stösst bei der Polizei auf offene Ohren. «Grundsätzlich begrüsst die Stadtpolizei alles, was – zur Sicherheit von allen Verkehrsteilnehmenden – dazu beiträgt, dass die Aufmerksamkeit dem Verkehr gewidmet ist und man nicht abgelenkt ist.»

Akustik-Experten des grössten Unfallversicherers der Schweiz (Suva) haben errechnet, dass ein Fahrradfahrer ohne Kopfhörer ein mit 50 Stundenkilometern von hinten nahendes Fahrzeug auf 16 Meter Distanz wahrnimmt und ihm so zwei Sekunden Reaktionszeit bleiben. Trägt der Velofahrer aber einen Kopfhörer und hört mit 80 Dezibel Musik, was der üblichen Lautstärke entspricht, nimmt er das Fahrzeug erst auf drei Meter Distanz wahr – ihm bleiben lediglich 0,3 Sekunden für eine Reaktion. Oft zu kurz, um der Gefahr zu entkommen. «Diese Resultate belegen, dass auch mit vernünftiger Lautstärke das Tragen von Kopfhörern im Strassenverkehr fatale Konsequenzen haben kann», sagt Beat Hohmann, Leiter des Bereichs Physik der Suva.

Über die breite Unterstützung freut sich Giezendanner, kann aber nicht nachvollziehen, warum man bei der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) nicht schon lange aktiv wurde: «Bei der bfu hätte man längst hellhörig werden müssen. Um eine zweite Gotthardröhre zu bekämpfen oder ständig gegen die Autofahrer mobil zu machen, hat man Zeit, doch um die wirklich wichtigen und akuten Themen kümmert man sich kaum.»

Bfu-Sprecher Marc Bächler wehrt sich gegen die Vorwürfe und sagt, dass die Empfehlungen der bfu auf den aktuellsten Erkenntnissen der Unfall- und Präventionsforschung basieren. «Im Strassenverkehr zählen Ablenkung und Unaufmerksamkeit gemeinsam mit Vortrittsmissachtung zu den wichtigsten Ursachen für Verkehrsunfälle. Der bfu ist es deshalb wichtig, für die Problematik der Unaufmerksamkeit und Ablenkung zu sensibilisieren.» Dies geschehe beispielsweise für Fussgänger in einem Video, für Velofahrer sowie Autofahrer auf Plakaten und Videos. «Zudem liefern wir zum Thema Ablenkung auch spezielle Informationen für Betriebe.» Für ein Verbot von Kopfhörern auf Velos spricht man sich bei der bfu nicht aus.

Auch beim Verkehrs-Club der Schweiz VCS hat man kein offenes Ohr für Giezendanners Vorstoss: «Ein Verbot schiesst über das Ziel hinaus. Viel wichtiger ist die Sensibilisierung für die Gefahren des Strassenverkehrs», sagt VCS-Sprecher Matthias Müller. «Aber ein respektvoller Umgang im Strassenverkehr und damit möglichst hohe Sicherheit ist für den VCS sehr wichtig. Natürlich empfehlen wir, beim Velofahren auf Kopfhörer zu verzichten.»

Von Sacha Ercolani

Quelle: Schweiz am Wochenende