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Schweiz am Wochenende

Ski fahren kann jeder in drei Tagen lernen – tatsächlich?

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Dieser Artikel erschien ursprünglich in die "Schweiz am Wochenende".

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Drei Tage, zwei Ski, ein Ziel. Die Schweizer Skischulen versprechen: Ski fahren kann jeder lernen – in drei Tagen. Tatsächlich? Wir haben es in der Lenk getestet.

Die Gondel schaukelt sanft, schnurrt sich den Berg hinauf. Hinter uns im Tal schrumpfen die Chalets zu Puppenhäusern, vor uns zeichnen sich die Pisten des Betelbergs deutlicher ab. Einheimische der Lenk nennen ihn den Anfängerhoger, andere den Familienberg. Klar ist: Wer das Tempo liebt, ist hier falsch. Wir hingegen sind genau richtig.

Simon, der Skilehrer, tippt aufs Fensterglas, zeigt in die Tiefe: «In drei Tagen fahrt ihr diese blauen Pisten runter.» Das ist nicht sein Versprechen, sondern jenes der Schweizer Skischulen. Es ist eine Kampagne, die mithelfen soll, wieder mehr Menschen für den Sport zu begeistern. Dafür haben Schweizer Skilehrerinnen und Skilehrer vor der letzten Wintersaison einen medienwirksamen Auftakt inszeniert. Auf der grünen Rütliwiese schworen sie sich: Ihre Schülerinnen und Schüler können nach drei Tagen Unterricht «genussvoll die blaue Piste absolvieren».

Der Wintertourismus sucht seit Jahren nach Wegen aus der Krise. Wir hingegen sind froh, dass die Pisten an diesem Tag fast menschenleer sind. Anfänger treffen wochentags in der Nebensaison und bei Nebeldecke beste Verhältnisse an. Am Anfang gefährdet jeder Stemmbogen, jeder Schwung eines anderen Fahrers im Umkreis von wenigen Metern die eigene Balance. Für einmal sind breitbeinig bolzende Dreikäsehochs nicht herzig, sondern angsteinflössend. Und zwar so richtig.

Wir hingegen beginnen mit dem Bremsen und Rutschen im Pflug. Simon, 27 Jahre und mit breitem Berner Dialekt, ist Sportstudent und arbeitet in den Semesterferien als Skilehrer. In Pädagogik hat er gut aufgepasst: Seine Übungen sind abgestimmt und aufeinander aufgebaut; die Erklärungen bildhaft. Die richtige Körperhaltung erklärt er etwa mit einer imaginären Orange. Diese gelte es mit dem Schienbein gegen den Skischuh gleichmässig auszupressen. Die Frucht sollte weder geplättet noch aus der Presse fallen. Wäre es nicht ein Spiel der Fantasie, die Pisten des Betelbergs wären mit orangen Farbtupfern gesäumt.

Die Taschenlampe im Bauchnabel
Aber das ist egal. Das Knirschen des Schnees unter den Ski, der Wind, der über das Gesicht streicht, und die allmähliche Sicherheit, dass ein Bein nicht plötzlich abzweigt, machen vor allem eines: Freude. Der Song «Alles fährt Ski» gesellt sich plötzlich als Begleiter hinzu; etwas, was vor etwas mehr als 20 Jahren als Teenager unvorstellbar war. Der Song «Lords of the boards» dröhnte damals nicht nur aus den Boxen, er war der Soundtrack jener Welle, die Ski im Keller verstauben und Menschen ein Brett unter die Füsse schnallen liess. Den Ski haftete plötzlich etwas Bünzliges an; wer als Jugendlicher etwas auf sich gab, steckte seine Füsse in Softboots. So auch wir.

Jetzt auf

Und heute? Mit Ü30 sind diese zwar immer noch weitaus bequemer als die sperrigen Skischuhe. Aber sonst? Bei flachen Traversen muss das Board abgeschnallt und getragen werden – während die Skifahrer mühelos an einem vorbeisliden. Auch beim Sitzen im Schnee, um zum wiederholten Mal die Bindung zu verschliessen, ertappt man sich zunehmend, neidisch zu den Skifahrern zu schielen.

Höchste Zeit also, dem Schweizer Nationalsport eine Chance zu geben. Wie ausgeklügelt dessen Material ist, hat sich noch vor dem Unterricht gezeigt. Wir sitzen auf einem Bänkchen im Shop von Strubel Sport in Lenk. Inhaber Daniel Tauss fragt: Körpergrösse? Gewicht? Alter? Schuhgrösse? Fahrkönnen? – und tippt diese in den Computer ein. Sekunden später spuckt eine Software den Skalenwert für die Bindung aus. Tauss reicht uns je ein «drehfreudiges Modell». Das klingt in der Theorie schon mal gut.

Aber auch diese Ski brauchen einen Piloten. Wir starten mit dem Klassiker: dem Stemmbogen. Und einer neuen Metapher: Unser Bauchnabel wird zur Taschenlampe. Dorthin, wo wir das Licht richten, fahren wir auch, sagt Simon. Als sich blaue Streifen am Himmel zeigen, bemerken wir sie erst, als er darauf zeigt. Eine imaginäre Taschenlampe im Bauchnabel und eine Orange im Skischuh verlangen einiges an Konzentration. Dennoch klappen die Tricks erstaunlich gut. Fast wie von Geisterhand drehen sich die Bretter in die eine, mal in die andere Richtung. Juhuu, wir fahren Ski!

Kostenlose Nachhilfe
Als Leiter der Ski- und Snowboardschule Lenk lotst Jonas Siegfried Jahr für Jahr Anfänger durch das pulvrige Weiss. Je jünger, umso stärker müssten sie die Skilehrer bremsen; bei Erwachsenen hingegen gelte es, Vertrauen zu schaffen. «Aber: Skifahren zu lernen ist kein Lebensprojekt. Jeder schafft das in absehbarer Zeit», sagt Siegfried. Dieser Meinung ist auch der Dachverband Swiss Snow Sport. Er hat die Kampagne «Skifahren lernen in drei Tagen» ausgeheckt; und damit auf die rückläufigen Zahlen bei den erwachsenen Skischülern reagiert. Vize-Direktorin Gaby Mumenthaler sagt, dass die Skischule heute vor allem mit Kindern in Verbindung gebracht werde. «Viele Erwachsene denken, dass sie um die zwei Wochen benötigen, um das Skifahren zu lernen.»

Und wenn die drei Tage nicht reichen? Dann gibt es einen Wiederholungskurs, kostenlos. Gemäss Mumenthaler haben im vergangenen Jahr 50 Wiedereinsteiger und Anfänger das Angebot gebucht. In diesem Winter rechnet der Verband, dass er die Zielvorgabe mit mindestens 200 Personen pro Saison erreicht. Bisher hatte erst ein Schüler Nachhilfeunterricht nötig. Vier Kursstunden später kam er im Ziel an: Eine Abfahrt, die Ski parallel nebeneinander.

Wir mussten nicht nachsitzen. Leider. Zwar fühlen sich unsere Beine bei der Abreise zentnerschwer an; doch die Ski fehlen uns auf dem Weg ins Unterland schon ein bitzeli. Bevor wir das Simmental hinter uns lassen, wissen wir: In diesem Winter verstaubt das Snowboard im Keller.

von Annika Bangerter

Quelle: Schweiz am Wochenende 19.1.2018

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