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Schweiz am Wochenende

Sex und Ehe: So ticken die Royals

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Dieser Artikel erschien ursprünglich in die "Schweiz am Wochenende".

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Es ist nicht das erste Mal, dass einer aus der englischen Königsfamilie sich in eine Amerikanerin verliebt. Für Edward VIII. hatte das Konsequenzen, die Harry mit seiner Meghan nicht mehr erwarten muss.

Der Prinz und die Schauspielerin – was für eine Herzschmelz-Saga! Welch eine Duftkerze, um sie weit über Weihnachten hinaus leuchten zu lassen. Mindestens bis Mai 2018, wenn die zwei neuen Turteltauben aus dem Haus Windsor im Hafen der Ehe anlegen, also bald aufhören zu gurren und nur noch murren. Mindestens bis zum Mai aber illuminiert junges royales Glück in jede Stube, vor allem die kleinbürgerliche.


Mit Herzschmerz stopfen Royals seit langem den Hals von uns Plebejern. Sie tun es sogar mit Skandalen. Seit Dianas Tod («Königin der Herzen») schwillt unsere Leber bedrohlich an. Aber man stopft uns weiter mit blaublütigem Futter. Dafür sorgen die Royals inzwischen auch selber, mit moderner PR-Verve, aber nach alter Façon: von oben herab. Damit sich ihr grösstes Trauma nie wiederhole, dass ihnen Plebejer jemals wieder ohne Federlesens den Hals abschneiden.

Wer die Privatstorys der Royals herzig findet, der denkt nicht mehr an Guillotine. Darum treibt der Hof seine Telenovelas voran, Sequel über Sequel, zum glühenden Neid aller Streaming-Serien-Produzenten, sekundiert von besinnungslosen Butlern des Boulevards. Gern nimmt man die hübsche Nebenpfründen mit, dass sich Marke, Firma und Vermögen des Hofes stetig mehren.

Jetzt auf

Braver als früher
Dabei operiert der Hof nach altbewährten Mustern. Wenn es jetzt heisst, Prinz Harry und die Schauspielerin Meghan Markle würden «den Traditionalisten einmal mehr ein Umdenken abverlangen» («NZZ am Sonntag»), dann werden diese «Traditionalisten» wohl dünn lächeln. Erstens lassen sie sich nichts «abverlangen», schon gar nicht von kleinbürgerlichen Moralisten. Zweitens erhielten sie die nahrhaftesten Uppercuts stets verpasst von ihresgleichen.

Dass es jetzt bei Harry und dieser «Ms. Markle» nicht ganz nach dem Bilderbuch zu- und hergeht, oh dear: Da muss man heute doch nicht einmal mehr die Augen schliessen, um an England zu denken! Schliesslich heiratete unlängst Prinz William, der Thronfolger, ganz nach Bilderbuch. Er und die Herzogin Kate bekamen sofort Kinder, zur Fortsetzung der Linie ohne Ecken und Beulen. So proper war das Haus Windsor während langer Zeit nicht mehr bestellt.

Lief das wirklich so glatt über die Bühne, hinter den Kulissen? Meghan Markle ist bürgerlich, katholisch und geschieden. Grosser Gott! Das kennt man doch: Geschieden war Camilla Parker-Bowles auch, die heutige Frau von Prinz Charles. Und die Dusch-Filmszenen der künftigen Herzogin? Kindchen, schauen Sie mal in den Archiven nach, was es für Bilder von Diana gibt. Der Umstand, dass Meghan Markles Mutter schwarz ist? Passt hervorragend zu Harrys Rotschopf; ausserdem ist ihre Nase inzwischen korrigiert. Die Eltern Markle beide bankrott? Da schweigt man nobel drüber hinweg, zumal wenn der eigene Laden brummt. Und Meghans Vater in Mexiko? Nun, Mexiko – da trinkt man tatsächlich zu wenig Tee. Aber Harry war ja auch in Afghanistan.

Key moments from Meghan Markle and Prince Harry's first TV interview

Quelle: YouTube

Der nach aussen präsentierte Gleichmut kann durchaus auf eigener Einschätzung der Dinge beruhen. Auf einer schmerzvollen Erfahrung in der Vergangenheit, einer schweren Prüfung. Jedenfalls kennt das Haus Windsor das Muster: von König Edward VIII. Mit ihm hatte man das Ganze schon einmal durchgespielt: tiefer, einschneidender, dramatischer als jede Caprice von Harry oder Meghan jemals werden dürfte. 1936, als König Edward VIII. nicht mehr König sein wollte und auf die Krone verzichtete. Wegen einer Femme fatale aus den Vereinigten Staaten.

Der König sagte, Liebe sei seine wahre Königin. War es wirklich Liebe? Man kann auch fragen: Gab es einen einzigen Mund damals, der sich darüber nicht zerriss, was es sonst noch sein könnte? Allein die Presse schwieg, auffällig. Wallis Simpson hiess die Unaussprechliche – und «Queen Mum» (1900–2002) sprach ihren Namen tatsächlich niemals aus. Es war sicher nicht Liebe auf den ersten Blick, als sich die beiden kennen lernten, 1930, im Unterschied zu den Jungspunden heute.

Edward hatte den Kopf verloren
Wallis Simpson hatte mit zwanzig erst einen rabiaten alkoholsüchtigen Navy-Piloten und danach einen Geschäftsmann geheiratet. Er war am Anfang stets dabei bei Begegnungen mit Edward. Als Wallis’ Affäre mit dem König begann, betrog sie ihr Mann passenderweise mit einer Freundin. Oder ihr Anwalt bastelte daraus eine passende Geschichte, das lässt sich nicht auseinanderhalten. Scheidungen waren zwar möglich, aber kompliziert und stets mit der Schuldfrage verknüpft.

Damit rückte das Unfassbare bedrohlich näher: Edward hatte den Kopf verloren, und das gefährdete das ganze Königreich. Die Leute empörten sich teilweise über lächerliche Dinge: Edward soll – «eigenhändig!» – ein Taxi gestoppt haben für seine Geliebte. Er erboste die Schotten, als er log, einen neuen Spitalflügel nicht eröffnen zu können, aus Trauer um den Tod seines Vaters; dabei war er zu einer neuen Eskapade mit Wallis ausgeflogen. Es gab aber auch ernsthafte Bedenken: Die Verfassungskrise in England enthielt genug Sprengstoff, um das Parlament zu spalten und Separatisten zu beflügeln in Irland und Südafrika.

Was in aller Welt hatte Wallis mit Edward angestellt? Und mit all ihren Männern? Es war – tatsächlich oder gerüchteweise – eine namhafte Reihe. Darunter der amerikanische Botschafter in London; der Duke of Leicester; der spätere Schwiegersohn und Aussenminister von Benito Mussolini; ein verheirateter Automechaniker; und Joachim von Ribbentrop, der spätere Aussenminister von Nazi-Deutschland. Er soll ihr täglich siebzehn Nelken geschickt haben, für jedes sexuelle Stelldichein eine – behauptete jedenfalls ein Benediktinermönch, Informant des amerikanischen FBI. Wirklich seltsame Zeiten …

Halten wir fest: Sex – da lag doch wieder mal der Pudel begraben: cherchez le Schwein. Geduld! Ohne Blick auf die Zeit bitte keine durchgaloppierenden Fantasien! Über Sex sprach man damals kaum. Eine harmlose Fibel zur Aufklärung, anonym verfasst von einem Arzt, wurde in Bristol noch öffentlich verbrannt. Wer oralen Sex wagte, gehörte schon zur Gilde der tollkühnen Flieger.

Wallis war keine umwerfende Schönheit, hatte auch etwas maskulin anmutende Züge. Woraus die verklemmte Hofgesellschaft den Schluss zog: Sadomaso, das ist der Schlüssel! Sogar in einem chinesischen Bordell soll Wallis Anleitung für ihre Kunstfertigkeit gefunden haben. Wer Genaueres sucht, findet: «Massage mit Ölen», eine Prozedur, die einfach über die damals übliche Zeitspanne des Aktes hinaus erstreckt wurde, na ja.

Viele dieser Informationen «verdanken» wir Spitzeln. Die Frau wurde von verschiedener Seite beschattet. Die nationale Sicherheit – klar, es ist immer die nationale Sicherheit. Die Frau könnte einem leidtun; die Nachstellungen und Schnüffeleien erwecken sicherlich das Bild eines gehetzten Wildes. Hätte es politisch nicht tatsächlich gute Gründe gegeben, die Dame zu überwachen. Und notabene auch bei Edward selber aufzupassen.

Die Chance für Edwards Bruder
Die den beiden nachgesagte Nähe zum Faschismus kann ebenfalls auf übler Nachrede beruhen. Aber nicht nur. Das Paar war 1937 in Berlin, trank Tee mit Adolf Hitler, traf Joseph Goebbels, Rudolph Hess und andere Nazi-Grössen. Als König hatte sich Edward VIII. gegen Sanktionen gegen Italien ausgesprochen, als Mussolini Äthiopien überfiel, trotz anderem Rat seiner Minister. Er hatte, als Botschafter auf den Bahamas, sich dahin geäussert, als König zurückzukehren und die Monarchie wieder einzurichten. Eine Überlegung, die vom Sieg Hitler-Deutschlands ausgehen musste. In die Bahamas war das Paar von George VI. geschickt worden, Edwards Bruder, der als schüchterner Stotterer die Krone in jenem ungewöhnlichen «Drei-Königs-Jahr» übernommen hatte und dann stark in die Rolle gewachsen war während schwieriger Zeiten. Historisch gesehen, war Wallis also eher ein Glücksfall für die Briten.

War sie auch ein Glücksfall für Edward, den kurzzeitigen König? Die Ehe der beiden hielt 35 Jahre, bis zu seinem Tod 1972 (sie starb 1986). So lange durchzuhalten – das müssen Prinz Harry und Meghan Markle erst einmal beweisen.

Es gibt noch eine neckische Parallele zwischen beiden Paaren: Harry ging beim Hähnchenessen angeblich auf die Knie vor seiner Angebeteten, um ihr die Heirat anzutragen. Edward schnipselte mal an einem Hähnchen herum, als Wallis aufstand und das Tranchiermesser ergriff: «Darum kümmere ich mich, Sir!»

Medien drehen durch
Ähnlich ist auch die Rolle der Medien geblieben. Bei den Royals spinnen die meisten, und das schon immer. Als seinerzeit endlich das Ventil geöffnet wurde, um über Edward und Wallis zu berichten, überschlug sich die Presse mit Spekulationen.

Da überlegte Edward noch: Soll ich oder soll ich nicht auf die Krone verzichten und verlöre dann womöglich meine Liebe? Wallis’ Anwalt, John Theodore Goddard, wollte zu ihr nach Südfrankreich fliegen, um ihre Meinung einzuholen. Edward verbot Goddard die Reise, weil er fürchtete, sie verzichte dann auf ihn (Wallis wollte Edward tatsächlich den Weg freigeben).

Goddard flog trotzdem, in einer Maschine der Regierung. Und weil der Anwalt auch noch ein schwaches Herz hatte und sich vor dem Fliegen fürchtete, nahm er einen Arzt mit. Die Presse bekam Wind davon – und dichtete: Wallis schwanger / Gynäkologe eingeflogen / Abtreibung vorgenommen. Nun, die beiden hatten nie Kinder bekommen.

von Max Dohner

Quelle: Schweiz am Wochenende 1.12.2017

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