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Schweiz am Wochenende

Randalierende Elefanten und Affen: Warum sich Tiere immer öfters mit dem Menschen anlegen

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Dieser Artikel erschien ursprünglich in die "Schweiz am Wochenende".

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Immer öfter legen sich Tiere mit ihm an, der Mensch ist selber schuld daran. Denn mit Umweltverschmutzung, Klimawandel und unkontrollierter Jagd macht es der Mensch der Tierwelt schwerer denn je.

Das scheint sich die Tierwelt nun nicht mehr länger gefallen zu lassen. Ob Elefanten, Affen, Ratten, Hunde oder Quallen – sie proben den Aufstand. Wissenschafter sprechen von «Human-Wildlife-Conflicts», und der Mensch wird sie nicht gewinnen können. Denn die Tiere haben einen mächtigen Verbündeten: die Evolution.

In Neu-Delhi hat man resigniert. Man hatte versucht, die randalierenden Rhesusaffen einzufangen, sie mit Lärm zu vergraulen und sogar Menschen in Affenkostümen umherspringen und brüllen lassen, um sie zu erschrecken. Doch die klugen Tiere durchschauten das Spiel, sie krakeelen wie eh und je durchs Regierungsviertel der indischen Hauptstadt.

Dort hat man sich jetzt nicht nur mit der Situation abgefunden, sondern die Affen darüber hinaus als Ausrede entdeckt. Wenn ein Beamter eine bestimmte Akte nicht finden kann, heisst es einfach: Tut uns Leid, die haben wohl die Affen gestohlen.

In anderen Gegenden verlaufen die Konflikte zwischen Affen und Mensch weniger witzig. Im Kongo bezeichnet man Schimpansen bereits als «Killer Chimps», weil sie Kinder erschlagen und verstümmeln. Wissenschafter vermuten, dass die Affen, weil man ihnen durch Waldrodung die natürlichen Nahrungsressourcen raubt, von Vegetariern zu Fleischfressern geworden sind und dadurch auch kleine, wehrlose Menschen auf ihren Speiseplan gesetzt haben.

Gefährliche Elefanten

Neben Affen gehören Elefanten zu den grossen Problemtieren. In Uganda walzten sie gleich ein ganzes Dorf nieder, und dabei blockierten die intelligenten Rüsseltiere auch noch die Strassen, sodass niemand Hilfe holen konnte. Im Osten von Indien überfielen sie ein Schnapsgeschäft, um 500 Liter eines alkoholischen Blütentrunks namens «Mahua» zu trinken. In Zimbabwe und Kenia sind sie für 75 bis 90 Prozent aller durch Säugetiere hervorgerufenen Ernteschäden verantwortlich, sie verschärfen dort die ohnehin angespannte Ernährungssituation der Menschen.

Deswegen führt selbst die Umweltschutzorganisation IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources) die verhaltensauffälligen Elefanten unter der Rubrik «Wildlife pest». Die amerikanische Ökologin und Verhaltensforscherin Gay Bradshaw betont sogar: «Zwischen Menschen und Elefanten herrscht Krieg.» Doch für sie steht auch fest, wer den Krieg begonnen hat: der Mensch.

Denn er habe den eigentlich friedliebenden Dickhäutern ihre Lebensräume genommen, sodass sie nach neuen Futterquellen suchen müssen. Zudem hätten Wilderer gezielt jene Tiere mit den grössten Stosszähnen erlegt, und das sind in der Regel die Führungselefanten. Die Folge: Aus den stramm geführten Herden spalten sich Jungbullen-Banden ab, die marodierend über die Lande ziehen.

In Europa sind die tierischen Randalierer deutlich kleiner, aber nicht minder erfolgreich. Ganz vorne dabei: die Krähen. «Sie rücken immer weiter in die Städte vor», erklärt Rüdiger Albrecht, Artenschutzreferent beim Landesamt im Kreis Rendsburg-Eckernförde in Schleswig-Holstein. Denn auf dem Land hätten sie keine Heimat und Perspektiven mehr, weil ihnen die industrielle Agrarwirtschaft die Lebensgrundlagen genommen hat. In der Stadt hingegen treffen sie auf Menschen, die sich von ihnen überfordert fühlen.

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Szenen wie bei Hitchcock

In Grossstädten wie Bern und Basel sowie Dresden, Bremen und Koblenz sorgen die Vögel schon für Hitchcock-Szenarien. In einigen Stadtteilen von München nisten bereits 100 Krähenpaare pro Quadratkilometer. Sie veranstalten dort nicht nur ein einschüchterndes Lärmspektakel, sondern bedienen sich auch ungehemmt aus Mülltonnen und Containern, ziehen Pommes aus der Pappschachtel vom Imbisskunden oder Mützen vom Baby- oder Kinderschopf. Im Fussballstadion von Hannover 96 zerhackten sie die teure Innendachfolie, worauf der Verein tote Krähen zur Abschreckung aufhängen liess. Doch das sorgte lediglich für Entsetzen unter den zweibeinigen Spaziergängern, während die Federtiere unbeeindruckt weitermachten wie vorher.

Für Entsetzen sorgen auch die gigantischen Ameisenkolonien, die in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz über Spielplätze und Parkanlagen herfallen. Ganz zu schweigen vom weltweit milliardenstarken Heer der Ratten, die mittlerweile auch für die Verbreitung multiresistenter Krankheitserreger sorgen, die sie im Abwasser von Krankenhäusern aufgeschnappt haben. Es sind Szenen wie aus einem Horrorfilm – doch der Mensch wird sich wohl daran gewöhnen müssen.

Denn die «Human-Wildlife-Conflicts» haben in den letzten Jahrzehnten so stark zugenommen, dass sie zu einem eigenständigen Forschungsthema der Bio-Wissenschaften geworden sind. «Konflikte entstehen, wenn Interessen aufeinanderprallen», erklärt der US-amerikanische Verhaltensforscher Michael Hutchins. Und der übergriffige Expansionsdrang des Menschen sorge dafür, dass dies zwischen ihm und den Tieren immer öfter passiere. Dessen expansive und umweltschädliche Lebensweise habe zwar zum Aussterben vieler Arten geführt, andererseits aber auch einigen Faunavertretern in die Karten gespielt.

So profitieren wechselwarme Tiere wie Quallen, Zecken und Insekten von der Klimaerwärmung. Bei anderen hingegen werden Anpassungsleistungen angeregt, ihre Evolution läuft dann zur Hochform auf. Ratten etwa vervielfachen nach jeder Pestizidaktion ihre Fortpflanzungsquote, und die Nachkommen sind dann auch noch oft resistent gegen die Gifte. Und wer die klugen Krähen attackiert, stimuliert sie nur zu neuen Intelligenzleistungen, mit denen sie ihr Überleben sichern.

Im November 2011 trafen sich im ostfriesischen Leer erstmals Experten zu einem Symposium gegen die Krähenplage. Das Resümee war: «Wir müssen mit den Krähen leben, denn wir kriegen sie nicht mehr weg.» Seitdem hat kein weiteres Symposium mehr stattgefunden.

Von Jörg Zittlau 

Quelle: Schweiz am Wochenende 8.9.2017

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