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Playlist heisst das neue Zauberwort in der Musikwelt.

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Das Musikalbum wird zum Auslaufmodell – die Playlist sorgt für eine Revolution

Playlist heisst das neue Zauberwort in der Musikwelt. Sie macht die Hits von morgen, verändert die Songs, die Hörgewohnheiten der Nutzer und hat das Potenzial zu einer Revolution in der Branche.

Sgt. Pepper’s Lonely Heart Club Band» hat vor 50 Jahren die Popwelt verändert. Vor der Veröffentlichung des epochalen Meisterwerks der Beatles war die Single, der Hitsong, massgebend und die Vinyl-LP eine lose Ansammlung von Songs. Die Beatles erhoben dagegen mit «Sgt. Pepper» das Album zum Gesamtkunstwerk, zu einem im Tonstudio konzipierten und entwickelten Werk, das nur in seiner Ganzheit wahrgenommen werden sollte. Da ist es nur konsequent, dass die Beatles aus dem Werk keine Single auskoppelten. Das Album brach die Vorherrschaft der Single.

Ein halbes Jahrhundert sollte das Album regieren, zuerst auf LP (Vinyl), danach auf CD. Doch 50 Jahre nach der Veröffentlichung von «Sgt. Pepper’s Lonely Heart Club Band» im Juni 1967 wird die Vorherrschaft des Albums angegriffen und infrage gestellt. Angeführt wird die Revolte von den Streamingdiensten Spotify, Apple Music, Deezer, Tidal & Co. Streaming, und damit die totale Verfügbarkeit jeglicher Musik, ist jetzt daran, die Musikwelt nachhaltig zu verändern und vielleicht auf den Kopf zu stellen. «Alben stehen vor dem Aussterben. Playlists sind die Zukunft», prophezeite der langjährige Musikchef von BBC 1, George Ergatoudis, schon vor drei Jahren. Der Brite ist der bekannteste Konvertit. Anfang 2016 wurde er Chefstratege von Spotify und kuratiert dort seither Playlists.

«Playlist» heisst das neue Zauberwort. Eigentlich ist sie nichts anderes als eine Sammlung, eine Liste von Songs, wie wir sie von erfolgreichen Samplern wie «Bravo Hits» oder «Kuschel Rock» kennen. Das Prinzip ist alt. Schon in den 1950er-Jahren gab es Sampler. Die Einführung der Musikkassette und später der brennbaren CD ermöglichte die individuelle Erstellung von Songinhalten, privaten Playlisten. Die Streaming-Dienste heben dieses Prinzip auf eine neue Stufe. Der Konsument kann sich aus dem riesigen Musikschatz der Welt bedienen und sich seine Lieblingsplaylists selber zusammenstellen.

Der neue Musikkonsument

Wer es einfacher mag, greift auf das wachsende Angebot von Playlists der Streaming-Dienste zurück. Es gibt Playlists für jede erdenkliche Lebenssituation und jede Tageszeit. «Good Morning» auf Spotify, «Der perfekte Morgen» auf Apple Music. Unzählige Playlists zum Arbeiten, Relaxen, Chillen, Joggen, Yoga, zum Schlafen oder zum Sex. Playlists für jedes Musikgenre, jedes Jahrzehnt. Dabei berechnen Algorithmen den individuellen Musikgeschmack des Konsumenten und passen die Listen dementsprechend an. Früher musste der Hörer Stunden im Plattenladen verbringen, um die Musik zu finden, die ihm gefällt. Die Streamingdienste servieren dem Hörer rund um die Uhr seine Lieblingsmusik in personalisierten, massgeschneiderten Playlists.

Mehr als 50 Prozent der Streaming-User sollen gemäss Angaben von Spotify Playlists hören. Stark zunehmend. Diese Form des Musikkonsums scheint die bevorzugte Variante zu werden. Mit weitreichenden Folgen nicht nur für den Musikkonsumenten, sondern auch für die Musik, die Musiker und die Musikbranche.

Technik macht die Musik

In der Musik, und nicht nur in der Popmusik, waren es immer wieder technische Neuerungen und Erfindungen, die die Musik und damit auch die Musikwelt und das Musikbusiness veränderten. Erst die Erfindung des Phonographen 1877 durch Thomas Edison und die Möglichkeit der Aufzeichnung von Musik auf Tonträgern hat die Entstehung einer Musikindustrie ermöglicht. Die Art der Tonträger hatte dabei immer auch ästhetische Auswirkungen. Der grosse Jazz-Erneuerer Charlie Parker (1920– 55) etwa hat damals auf Platten stets nur sehr kurze Soli über eine standardisierte, einfache Form gespielt. Nicht etwa, weil ihm nicht mehr eingefallen wäre, sondern weil die bis in die 50er-Jahre gebräuchliche Schellack-Platte maximal vier Minuten Musik erlaubte. Erst mit dem Vinyl Long Player, der LP, wurden längere Stücke, komplexere Formen und längere Soli möglich.

Die neue Musik

Jetzt sind es Streaming und die Playlists, die die Musik verändern. Eine Vorahnung, wie es weitergehen könnte, hat der kanadische Rapper Drake geliefert. Er ist der meistgestreamte Musiker und hat letzte Woche gleich 13 Billboard Music Awards gewonnen. Im Zusammenhang mit seinem jüngsten Release «More Life» spricht er nicht mehr von einem Album, sondern von einer Playlist. Es ist kein in sich geschlossenes, homogenes Werk mit einem Spannungsbogen wie früher beim Album, sondern eine mehr oder weniger lose Sammlung von Songs, die als Einzelsong wirken sollen. Heterogenität und Abwechslung sind dabei Programm und die Streamingrate gibt dem Künstler Aufschlüsse darüber, was ankommt oder nicht. Es gibt keine zeitlichen Limiten. Die Länge der Playlist oder der Songs ist offen, Songs können übersprungen (geskippt) werden, weshalb der Musiker mehr Risiken eingehen kann. Theoretisch können Songs nachträglich noch gemäss den Wünschen der Fans geändert oder angepasst werden.

Der neue Musiker

Die Folgen der Playlists gehen aber weit über das Ästhetische hinaus. Sie sind die Plattformen für Entdeckungen. Dabei geht es um Playlists, die von Spezialisten wie George Ergatoudis zusammengestellt und kuratiert werden. Von ehemalige Mitarbeitern von Plattenfirmen, Bloggern und Musikredaktoren. Vor allem für Newcomer sind diese Playlists von entscheidender Bedeutung. Denn sie sind der Schlüssel zum Erfolg. Wer mit seinem Song auf den News-Playlists erscheint, hat die Chance, entdeckt zu werden. Wie damals die Sängerin Lorde, die vor vier Jahren innerhalb von nur sechs Tagen weltberühmt wurde, weil ihr Song «Royals» in der Spotify-Playlist «Hipster International» landete, der gegen 800 000 Nutzer folgen. Der Song wurde zum Selbstläufer.

Noch wichtiger ist die Playlist «Today’s Top Hits» mit über 15 Millionen Followern, in der täglich 50 aktuelle Hits aus aller Welt vorgestellt werden. Auch hier wirkt der Multiplikatoreffekt. Wird der Song oft geskippt, fliegt er raus. Wird er bis zum Ende gehört, dann bleibt er drin. Eine weltweite Verbreitung ist damit garantiert. Es ist die Macht der Playlist. Die Playlist macht den Hit und macht aus dem nationalen Hit einen Welthit.

Playlist ersetzt Radio

Streaming und Playlists haben das Potenzial zur Revolution in der Musikbranche. Denn nicht nur die alten Tonträger und das Album als Kunstform sind herausgefordert. Auch das Radio. Es gab eine Zeit, in der Radios, die Hits machten, die Musiktrends bestimmten. Das war einmal. Diese Rolle übernehmen jetzt Playlists. Wer sich wirklich für Musik interessiert, kann kein Interesse am Einheitsbrei unserer Formatradios haben. Die Playlists haben das Prinzip Radio, den passiven Musikkonsum, aufgenommen und verbessert. Wieso soll ich mich vom ewiggleichen Mainstream berieseln lassen, wenn personalisierte Playlists meine Lieblingsmusik liefern?

Und was ist mit den Plattenlabels? Drake ist auch hier ein Vorreiter. Mit Apple Music hat er einen exklusiven Kontrakt abgeschlossen. Andere Musiker dürften seinem Vorbild folgen. Die Streaming-Dienste sind drauf und dran, auch zu Produzenten von Musik zu werden.

Von Stefan Künzli

 

Quelle: Schweiz am Wochenende 2.6.2017

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