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Schweiz am Wochenende

Mikrochips unter der Haut – wie sich ein Schweizer in eine Menschmaschine verwandelt

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Dieser Artikel erschien ursprünglich in die "Schweiz am Wochenende".

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Mike Schaffner ist Transhumanist. Er will das menschliche Schicksal selbst in die Hand nehmen und motzt seinen Körper mit Mikrochips auf.

Wenn Mike Schaffner abends von der Arbeit heimkommt, muss er kaum einen Finger krümmen. Er muss nicht wie andere seinen Hausschlüssel mühsam aus dem vollgestopften Rucksack nesteln. Mike hält einfach seine Hand an den Sensor unterhalb der Falle, und schon öffnet sich seine Eingangstür.

Sein Schlüssel ist ein Mikrochip, der unter der Haut zwischen Zeigefinger und Daumen liegt. Den ersten liess er sich vor vier Jahren injizieren, den zweiten vor ein paar Monaten. In einer Fingerkuppe steckt zudem ein kleiner Magnet. Alle drei Implantate sind kaum sichtbar. Aber man spürt sie, wenn man drüberfährt.

Seinen Körper zu modifizieren, kostete den 26-Jährigen keine Überwindung. Damit hat er schon als Teenager angefangen: In die Fläche seiner beiden Ohrläppchen sind zwei Metallringe eingepasst, ein weiterer steckt in seiner Nase. Und ein grosses Tattoo zieht sich vom Arm hoch über die Schulter.

Sogar seine zwei Katzen, mit denen er in Altstetten ZH lebt, sind gechipt. «Ich bin ein Nerd», sagt Mike. Comics, Science- Fiction-Bücher, Computergames – das ist seine Welt. Für ihn sind die Implantate aber nicht nur eine technische Spielerei. Oder reine praktische Hilfen im Alltag. Für ihn sind sie ein erster Schritt Richtung Verschmelzung mit Maschinen, auch mit Computern. Sie fängt mit dem Upgrade des menschlichen Körpers an. Seines Körpers.

Erweiterung der Sinne
An den Tag, als er seinen ersten Chip bekam, erinnert sich Mike gut. Eine Bekannte setzte ihn ein, eine Krankenschwester. Zuhause am Küchentisch. «Viel zu tief», sagt er. «Das tat höllisch weh.» Mit einer grossen Spritze schob sie das 12 Millimeter lange, zwei Millimeter dünne Gefäss unter die Haut. Seither steckt es im Handballen. Fest mit dem Muskelgewebe verwachsen. Das sollte nicht passieren. Normalerweise pflanzt man die Chips zwischen Haut und Muskel. Am besten im Bereich Zeigefinger und Daumen, wo er sein zweites Implantat trägt. Dort gibt es wenige Nerven und Blutgefässe. Dort ist auch das Risiko gering, dass die Chips mit dem Fleisch verwachsen. Das ist wichtig, wenn man sich upgraden will. Ohne Schmerz wird Mike dereinst seinen veralteten Chip jedenfalls nicht los.

Dank dem Chip kann er die Tür ins Fitnessstudio öffnen, sein Handy entsperren und die Telefonnummern seiner Freunde auf sich tragen. In Amsterdam bezahlte er sogar im Laden damit. Aber nur mit Bitcoins. Möglich macht all das die «Near Field Communication»-Technik. Mit ihr kommt man im Alltag auch ohne Implantat in Berührung: Wenn man beim Einkaufen zum Beispiel seine Kreditkarte an das Bezahlterminal hält. Noch geht das nicht mit dem Mikrochip-Implantat. Das ärgert Mike. Er will endlich Geld auf seinen Chip laden, bezahlen, Bahn fahren können und noch viel mehr. Deshalb hat er in den vergangenen drei Jahren zahlreiche Mails verschickt. An Dienstleister wie SBB, Credit Suisse, UBS und Post. Sie sollen das endlich möglich machen. Doch die grossen Player machen nicht mit.

An ihnen liegt es auch nicht, wie Patrick Kramer sagt: «Die Entwicklung der Mikrochips steht noch ganz am Anfang.» Der Chief Cyborg Officer, so nennt er sich, vertreibt von Hamburg aus Mikrochip-Implantate. Mike hat seine von ihm. Wie viele Kramer bislang an Schweizerinnen und Schweizer verschickt hat, will er nicht sagen.

Vergangenen Frühling hat er in Luzern einer Handvoll von Tagungsteilnehmern welche persönlich unter die Haut gesetzt. Weltweit sollen 50'000 Menschen einen Mikrochip im Körper tragen. Warum steckt die implantierbare Mikrochip-Technologie noch immer in den Kinderschuhen? «Sie wird von Kleinen vorangetrieben, die Grossen wollen kein Geld reinstecken», sagt der Geschäftsmann.

«Für die Grosskonzerne ist die Technologie noch zu heiss», sagt der Zukunftsforscher Gerd Leonhard. Sie wollen sich die Finger nicht daran verbrennen. Wegen der verbreiteten Angst vor Überwachung: Wer einen Chip implantiert hat, kann besser getrackt werden – so die Befürchtung vieler Konsumenten. Zudem könnten sich nur wenige Leute vorstellen, ein Stück Maschine in sich zu tragen, sagt Leonhard. «Für diese Technologie begeistert sich nur eine kleine Gruppe von technikaffinen Menschen.»

Keine Massenbewegung
Auch Mike hat schon gechipt. Fünf Leute aus seinem Bekanntenkreis. Die Community mit Chip-Implantaten ist klein. Meist tauscht sie sich online aus. Ab und zu begegnet man sich an einer Cyborg-Messe. Viele tragen die Fremdkörper, weil sie eine Erleichterung im Alltag sind. Oder aus reiner Begeisterung für die Technik. Für Mike bedeuten sie mehr. «Der Magnet ist eine Erweiterung meiner Sinne», sagt er. «Ich kann damit Dinge wahrnehmen, die uns alle den ganzen Tag umgeben. Die die anderen aber nicht bemerken.» Mike spürt Magnetfelder, er spürt Strom. Wenn er in der Unterführung Tramschienen passiert, die an der Oberfläche sind, reagiert der Magnetstift. Ebenso wenn er auf der Rolltreppe oder in der Nähe einer Stromleitung steht. «Ich spüre dann immer ein Kribbeln im Finger.»

Noch gehört Mike mit seinen Implantaten zu einer Minderheit. «In Zukunft wird es für alle ganz normal sein, Implantate zu tragen, die unsere Fähigkeiten verbessern.» Für Mike sind Mikrochips erst der Anfang. Er will die Menschheit besser machen. Durch Technik optimieren, wie er sagt. Was ist mit der natürlichen Evolution? Die Menschheit entwickelt sich ohnehin weiter. «Darauf kann ich nicht warten», sagt er.

Mike ist ein Transhumanist. Diese gibt es auf der ganzen Welt. Transhumanisten befassen sich mit dem Übergang vom Menschen hin zum digitalen Mischwesen. Deshalb «trans». Und tauschen sich in Facebookgruppen, an Tagungen und an Universitäten aus. Längst nicht alle sind gechipt. Was sie aber verbindet, ist der Glaube daran, dass man mit dem Fortschritt die menschliche Evolution vorantreiben kann. Etwa mittels Gen- und Neurotechnologie.

Mike will mit eigenen Erfindungen nachhelfen. In seiner Wohnung tüftelt er neben seinem Job als Kinotechniker an neuen intelligenten Implantaten. An Bluetooth-Kopfhörern zum Beispiel. «Daran habe ich zwei Jahre gearbeitet.» Der Prototyp besteht aus einem hautfarbenen Kopfhörer, aus dem dünne Drähte, eine Batterie und eine Übertragungsscheibe aus Metall ragen. Um ihn zu testen, verbindet man das Gerät über Bluetooth mit dem Handy und beisst auf die Metallplatte (sonst als Implantat für den Schädel gedacht). Schon ertönt die Musik – ohne Unterbrüche.

Mittlerweile ist der Prototyp überholt. Der Bauplan für das fertige Gerät steht schon länger. Mike tippt sich an die Schläfe: «Ist alles hier abgespeichert.» Notizen auf dem Computer? Skizzen auf einem Fresszettel? «Brauche ich nicht», sagt er. Er mache sich immer so lange Gedanken, bis das Gerät perfekt funktioniere, sagt er. Bis er jeden Schritt im Schlaf nachvollziehen könne. Mikes Problem ist jetzt, einen Profi zu finden, der ihm die Kopfhörer an den Kopf verpflanzt. Die angefragten Schönheitschirurgen antworteten nicht auf seine Anfrage.

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App-Store unter der Haut
Supermenschen aus Fleisch und Technik – sie faszinieren ihn. Heute stapeln sich auf der Kommode in seinem Wohnzimmer Dutzende Comic-Helden wie Hulk, Spiderman und Batman. Seine Faszination begann aber schon viel früher. Seit einem bestimmten Film, den er als Bub sah: «Der Sechs-Millionen-Dollar-Mann». In ihm wird der Held nach einem Unfall mit Hightech-Körperteilen aufgemöbelt. Und entwickelt so übermenschliche Kräfte. Ein bisschen wie Mike heute.

Die Idee der Verschmelzung von Mensch und Maschinen, seine Mikrochips sind Teil seiner Identität. Hin und wieder spricht er von sich in der Mehrzahl. Auch wenn er sagt: «Wir streben den Ersatz unseres Körpers an.» Er träumt davon, seinen Verstand digitalisieren zu können. Bis 2045 soll das möglich sein, glaubt er. «Dann könnten wir in einem Roboterkörper ewig leben.» Unsterblichkeit, für manche eine Horrorvorstellung. Für Mike ein logischer Wunsch. «Alles, was unser Leben ausmacht, sind Erfahrungen.» Als Unsterbliche würden wir über ein riesiges Wissen verfügen. «Das ist mein Ziel.»

Vorerst muss er mit dem vorliebnehmen, was heute möglich ist. Bald soll mehr möglich sein. Laut Patrick Kramer wird in fünf Jahren eine neue Generation von Chip-Implantaten erhältlich sein. Dangerous Things, ein bekannter amerikanischer Mikrochip-Hersteller, will bald ein Implantat etablieren, das wie ein App-Store funktionieren soll. Und wie von Mike gewünscht endlich das Portemonnaie überflüssig macht.

von Rebecca Wyss

Quelle: Schweiz am Wochenende 15.9.2017

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