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Schweiz am Wochenende

Matchmakerin: «Ich hatte fast ein Dating-Burnout»

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Dieser Artikel erschien ursprünglich in die "Schweiz am Wochenende".

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Solveig verkuppelt Singles auf einem Flirt-Portal. Ein Gespräch mit einer sogenannten «Matchmakerin» über Slow-Dating im Internet, wählerische Singles, leere Akkus und 15-Minuten-Psychologie.

Auf dem Dating-Portal Tinder zu sein, ist heute Standard. Paare, die sich so kennen gelernt haben, sind keine rare Spezies mehr. Aber Tinder kann einen mit dem Überangebot an Kandidaten ziemlich überfordern. Deshalb setzt die Konkurrenz-App «Once» – laut Eigenaussage die am schnellsten wachsende Dating-App seit Tinder – bewusst auf Entschleunigung. Sie soll die Romantik ins Online-Dating bringen. Man wischt sich nicht von Profil zu Profil, sondern bekommt pro Tag lediglich bis zu vier Personen vorgestellt, die zu einem passen sollen. Verkuppelt wird man nicht von einem Algorithmus, sondern von echten Menschen, sogenannten Matchmakern.

Und seit kurzem gibt es bei Once einen neuen Service: für zehn Franken kann man eine persönliche Kupplerin «anstellen». Man chattet, erklärt, wie der Traummensch aussehen soll, schickt gar Fotos und bekommt Singles vorgestellt. Betreutes Dating also. Tatsächlich, einen ganzen Tag auf den nächsten Match zu warten, macht das Ganze ganz schön aufregend. Mit einer persönlichen Kupplerin zu chatten, ist sehr amüsant. Doch ist das mehr als Küchenpsychologie? Wir haben einen digitalen Amor getroffen. Es ist eine Sie und wird uns als Solveig vorgestellt. Mit dem Matchmaker ist man per Du, schliesslich vertraut man ihm an, wie der Traummann oder die Traumfrau sein soll.

Solveig, wie ist dein Beziehungsstatus?

Solveig: Ich bin seit neun Monaten Single. Vorher war ich in Beziehungen, witzigerweise gingen diese immer dreieinhalb Jahre. Derzeit geniesse ich es enorm. Es ist für mich neu, alleine zu sein, und ich könnte es mir gerade gar nicht anders vorstellen. Deshalb helfe ich gerne anderen Pärchen.

Hast du deine Partner auch über Dating-Apps kennen gelernt?

Nein, nie.

Bist du jetzt auf Dating-Apps aktiv?

Für meine Bachelor-Arbeit über Dating-Apps musste ich sie testen. Ich fand es amüsant. Ich war auf Tinder, weil ich Once noch nicht kannte. Tinder wurde mir zu viel, als Frau wirst du überflutet. Irgendwann habe ich fast ein Dating-Burnout bekommen. Da habe ich Tinder deinstalliert.

Du arbeitest für die Dating-App Once. Die hast du noch nicht ausprobiert?

Nein für mich selber nicht. Mir war das dann auch sehr viel mit dem DatingThema.

Musst du es nicht selbst ausprobiert haben, um gut verkuppeln zu können?

Nein. Denn es geht mehr darum, dass man ein gutes Einschätzungsvermögen hat und Menschen gut lesen kann. Durch meine wissenschaftliche Beschäftigung mit Dating Apps habe ich ein sehr gutes soziologisches Verständnis dafür. Das reicht.

Erzähl mal, wie du vorgehst.

Ich bekomme eine Benachrichtigung, dass jemand eine Anfrage gestellt hat. Wenn ich Zeit habe, kann ich diese annehmen.

Und dann?

Ich lese anhand der Fotos und von dem, was man mir schreibt, so viel wie möglich aus der Person heraus. Ich schaue das Profil mit ihrer Beschreibung an, da geben sie oft schon an, was sie wollen. Dann schreibe ich ihnen und frage sie genau, was sie sich wünschen und vorstellen. Als Nächstes schaue ich mir die Fotos von potenziellen Partnern an, die sie schon gelikt haben. So habe ich einen Double-Check, was ihnen gefällt. Dann kann ich eine Suchanfrage stellen: Alter, Umkreis und andere Kriterien.

Aber das macht doch ein Algorithmus?

Ja, diese Vorkriterien wie Alter und Distanz macht das Programm, sonst würde ich mich ja dumm und dämlich suchen. Aber alles andere mache ich. Wenn ich denke, dass zwei zusammenpassen, dann zeige ich dem «Antragsteller» das Profil des Singles. Wenn es gefällt, dann matche ich sie und schalte beide frei, damit sie sich schreiben können.

Worauf achtest du am meisten, ob zwei zusammenpassen?

Auf alles. Aus dem Foto lese ich heraus, was die Person anhat, wo sie ist, wie das Foto aufgenommen wurde. Und auf die Beschreibung der Person und das, was sie mir schreibt.

Braucht man dafür ein Talent oder kann man das lernen?

Ich glaube, ich habe schon ein Talent dafür. Ich bin sehr feinfühlig und kann mich sehr gut in Menschen hineinversetzen.

Ist es auch ein Bauchgefühl?

Ist es auch ein Bauchgefühl?

Once ist sehr ähnlich wie Tinder. In erster Linie wählt man auch aufgrund von Fotos aus. Ist es nicht genauso oberflächlich?

Klar. Die Oberflächlichkeit kann man in so einem System gar nicht umgehen. Aber es ist viel weniger oberflächlich als bei anderen. Dadurch, dass du nur maximal vier Matches hast pro Tag, kannst du dir auch Zeit nehmen dafür. Wenn du zehn Minuten auf Tinder bist, hast du danach 100 Matches und denkst so: öhhhh.

Bist du der Meinung, dass sich Gemeinsamkeiten oder Gegensätze anziehen?

In dieser Art von Begegnung Gemeinsamkeiten. Ich möchte nicht ausschliessen, dass sich Gegensätze im realen Leben anziehen. Aber wenn man sich über eine virtuelle Plattform kennen lernt, muss man sich schon ähnlich sein. Die persönliche Chemie ist ja nicht da, deswegen muss das andere stimmen.

Ist Once eher für Leute, die eine feste Beziehung suchen?

Sie bezahlen für mich als Matchmakerin. Das würden sie nicht machen, wenn sie nur nach einem Wochenend-Date interessiert wären. Das wäre hinausgeworfenes Geld. Sie könnten dann genauso auf Tinder gehen.

Der grösste Unterschied zu Tinder?

Da bist du schneller, der Nutzer hat den Prozess vom Schreiben und Erklären nicht. Es geht weniger um innere Werte und ums Persönliche, sondern mehr ums Äussere. Once ist zeitintensiver und deshalb zieht es automatisch Leute an, die eher auf der Suche sind nach jemandem, der wirklich zu ihnen passt.

Was hältst du davon, Amor zu spielen?

Ich finde es schön. Es bringt etwas Persönlichkeit rein in diese von Algorithmen bestimmte Welt. Es ist schon romantischer, dass ein echter Mensch dahintersitzt und sich Gedanken macht, als die Vorstellung, dass ein Computerprogramm dir einen möglichen Partner vorstellt.

Trotz des Internet-Dating-Trends ist es uns immer noch ein wenig peinlich zu sagen, wir haben unseren Partner im Netz kennen gelernt.

Ich empfinde das nicht so. Ich kenne sehr viele, die sich über Tinder – weil es die Mainstream-App ist – kennen gelernt haben. Die Hemmschwelle ist vielleicht noch ein bisschen da, aber es ist kein Tabu mehr.

Hast du das Gefühl, es wird immer normaler, dass man sich online kennen lernt?

Ja. Dadurch, dass es Dating-Apps gibt, kommt es immer weniger zu direkten Begegnungen auf der Strasse. Die Hemmschwelle, auf der Strasse etwas zu riskieren und abgelehnt zu werden, ist zu gross. Vor allem wenn man gleichzeitig auf Dating-Plattformen nur positive Rückmeldungen erhält und negative gar nicht an einen rankommen.

Findest du das eine gute Entwicklung?

Positiv finde ich, dass Dating-Apps die Leute durchmischen. Da matchen etwa die junge Dame, die an der Anwaltsprüfung ist, und der Herr, der in der Migros an der Kasse arbeitet. Das gibt es im realen Leben selten. Verschiedene Religionen, verschiedene Vorstellungen, verschiedene Schichten werden auf diesen Plattformen in einen Topf geworfen. Im echten Leben werten wir viel mehr.

Und das Negative?

Es gehen uns andere Dinge verloren: Der Mut, jemanden auf der Strasse oder in einer Bar ansprechen zum Beispiel. Und man braucht viel Akku.

Wie viel Zeit nimmst du dir etwa pro Single?

Etwa 15 Minuten.

Und wie viele potenzielle Singles musst du präsentieren, damit es zu einem Match kommt?

Bei vielen klappt es schon beim ersten. Bei anderen schlage ich bis zu fünf Personen vor, wenn jemand sehr wählerisch ist.

Wer ist wählerischer, Frauen oder Männer?

Frauen.

Wer schaut mehr auf Äusserlichkeiten?

Männer. Sie haben eher konkrete Vorstellungen.

Wie finden Familie und Freunde deinen Amor-Job?

Sie finden es lässig und mega interessant. Für meine Eltern ist es etwas total Unvorstellbares, weil es das damals noch nicht gegeben hat. Aber meine Freunde finden alle: «Wow, geil! Bester Job überhaupt.

Ist es nicht schwierig, sich zurückzuhalten, wenn Singles kommen mit übertriebenen Anforderungen, zum Beispiel unbedingt blond, unbedingt gross, und selber sind sie weder Adonis noch Prinzessin.

Das hatte ich noch nicht oft. Ausserdem geht es hier nicht so sehr ums Äussere. Einmal etwa fand ich eine Frau total lässig, Frauen sehen ja Schönheit bei Frauen anders. Aber der Mann, dem ich sie vorgestellt hatte, mochte sie nicht. Das gibt es, aber du kannst natürlich nicht sagen: «Du Idiot.»

Und du sagst dann deine Meinung gar nicht, sondern suchst weiter?

Doch, aber freundlich. Ich sage dann: «Gib ihr doch mal ne Chance, ich denke sie könnte wirklich zu dir passen.»

Wie erfährst du, ob es mit den zweien geklappt hat?

Das bekomme ich leider nicht mit. Ich denke mir dann einfach immer: Du hast jetzt gerade ein Pärchen zusammengebracht, mega schön. Dabei lass ich es dann.

Von Alexandra Fitz

Quelle: Schweiz am Wochenende 16.6.2017

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