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Schweiz am Wochenende

Luis Fonsi: «Einen Welthit schreiben war nicht der Plan»

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Dieser Artikel erschien ursprünglich in die "Schweiz am Wochenende".

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Luis Fonsi produzierte den Ohrwurm des Sommers. Sein Song «Despacito» steht überall auf Platz 1 und übertrifft sogar «Gangnam Style».

Die Suche nach dem Sommerhit 2017 musste gar nicht ausgerufen werden. Denn er war längst da, der Song, der seit Monaten alles beschallt, was Ohren hat. «Despacito» («gemächlich») steht weltweit an der Spitze der Charts. Auch in der Schweiz ist er jetzt seit elf Wochen auf Platz 1 der Singles-Hitparade. Der Mann hinter dem Jahrzehnt-Hit heisst Luis Alfonso Rodríguez López-Cepero, kurz Luis Fonsi, ist 39 Jahre alt, kam in Puerto Rico zur Welt, lebt heute in Miami und ist in der lateinamerikanischen Popwelt seit Ende der Neunziger ein Superstar. Nur bei uns kannte ihn bis vor kurzem kein Mensch. Die «Schweiz am Wochenende» traf Luis Fonsi in Berlin. 

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Luis Fonsi, als Sie zusammen mit Daddy Yankee «Despacito» geschrieben haben. Wussten Sie, dass es ein Hit wird?

Luis Fonsi: Dieses Lied hatte von Anfang an viel Magie. Wir hatten das Gefühl, hier einen starken, melodischen, lustigen, energiegeladenen Song zu haben. Wir brachten ihn mit grosser Überzeugung auf den Markt. Doch das, was mit der Nummer passiert ist, das ist doch eine grosse Überraschung.

Kann man nicht ein bisschen vorhersagen, ob ein Song ein grosser Erfolg wird?

Nein. Das kann man gar nicht. Das ist reines Glücksspiel. Man kann höchstens raten, was die Leute hören wollen. Wenn das alles so einfach wäre, dann hätten wir ja alle ohne Unterbrechung grosse Hits. Sicher will ich immer, dass meine Musik erfolgreich wird und so viele Menschen erreicht wie nur möglich, aber du kannst dich nicht hinsetzen und sagen «So, heute schreiben wir doch mal einen Welthit.» Das war auch nicht der Plan.

Was war der Plan?


Ich bin seit zwanzig Jahren im lateinamerikanischen und spanischen Markt erfolgreich, ich wollte bloss eine neue, möglichst fetzige, Single für mein langjähriges Stammpublikum aufnehmen. Dann überwand «Despacito» Grenzen, Kulturen und Ozeane und wurde so gut wie überall auf der Welt die Nummer eins. Das ist Wahnsinn. Das ist noch nie passiert. Und dann ausgerechnet mit einem Song, der eine Liebeserklärung an meine Heimat Puerto Rico ist.

Im Nachhinein ist aber schon offensichtlich, warum die Nummer so triumphiert, oder?


Die Sache mit «Despacito» ist die: Alle Details stimmen. Du kriegst die Melodie nicht mehr aus dem Kopf, und der Refrain, der ja nur aus einem Wort besteht, ist so leicht, dass ihn jeder mitsingen kann, auch Menschen, die kein Spanisch sprechen. Das Video ist auch super. Und mit Daddy Yankee und Justin Bieber machen zwei Weltstars mit. Wir haben inzwischen weit über zwei Milliarden Klicks auf Youtube erreicht. So schnell hat das noch kein anderes Lied geschafft, nicht einmal «Gangnam Style».

Dass ansonsten höchst unterschiedliche Länder und ihre Bewohner allesamt dieses eine Lied ins Herz schliessen, ist das nicht ein perfektes Indiz für die gute, alte Globalisierung?


Ja, das ist es voll und ganz. «Despacito» ist der Song für Einheit, Zusammengehörigkeit und Zusammenhalt. Er passiert ausgerechnet zu einer Zeit, in der es so viel Trennendes gibt, in der Menschen Mauern bauen und Zäune errichten wollen. Die Regierungen vieler Staaten ergreifen Massnahmen zur Abschottung und zur Ausgrenzung anderer, und auf diese Stimmung prallt ein Lied, das nicht trennt, sondern vereint. Die Menschen sind doch schon viel weiter, als viele Politiker glauben. Die Poesie hinter der ganzen Geschichte ist wunderschön.

Gibt der Song speziell den Lateinamerikanern in den USA ein gutes, positiveres Gefühl?


Vielleicht unterschwellig. Das Lied baut auf, es verbessert deine Stimmung. Aber nur weil ein Song dich mitreisst, hörst du natürlich nicht auf, zum Beispiel Angst vor einer Abschiebung zu haben. Und doch ist er insgesamt positiv für das Selbstbewusstsein der lateinamerikanischen Menschen. «Despacito» ist der erste spanischsprachige Song seit 21 Jahren, der auf Platz eins der US-Singlecharts steht. Der letzte war «Macarena».

Gut, es gab vor etwa 15 Jahren eine grosse Welle von Latin-Popstars wie Ricky Martin, Shakira und Enrique Iglesias.
Die haben aber überwiegend auf Englisch gesungen. Ich kann es nicht belegen, aber von meinem Gefühl her gibt es einen Song wie «Despacito» etwa einmal pro Generation.

Können Sie das Stück eigentlich noch hören?


Ja, es ist immer wieder witzig. Obwohl das echt verdammt oft passiert, meistens aus dem Auto neben mir, oder es kommen mir Leute entgegen, die das Lied gerade summen, ohne dass sie mich erkennen. «Despacito» ist längst viel grösser, als ich es bin. Der Song wird mich überdauern.

Wie kam es eigentlich dazu, dass Justin Bieber auch mitmachen darf? Der passt doch gar nicht zu dem Song.


Justin Bieber hat «Despacito» gehört, fand ihn wohl geil und sprach uns an, ob er dabei sein dürfe. Er fügt halt noch eine Schicht hinzu. Bieber ist ein grosser Star, er sorgt zusätzlich für Aufmerksamkeit. Und warum auch nicht, darum geht es doch: ums gemeinsame Feiern, ums Zusammensein. Sein Mitwirken ist gut für ihn und gut für mich. Eine Win-win-Situation.

Wie hat sich Ihr Leben ganz persönlich verändert, seit «Despacito» die Welt erobert?


Ich bin weniger daheim bei meiner Frau und unserer fünfjährigen Tochter. Wenn ich ein paar Tage Zuhause bin, dann verbringe ich die Zeit mit meiner Familie. Ich hänge sehr an den beiden. Ein Partytier war ich sowieso nie, und zum Tanzen zu gehen ist mir meine Zeit jetzt zu schade. Mein Markt ist jetzt die ganze Welt. Ich habe mein natürliches Habitat verlassen. Da habe ich nicht viel freie Zeit.

Singen Ihre Frau und Ihre Tochter «Despacito», wenn Sie durch die Tür kommen?


(lacht): Am Anfang haben sie das gemacht. Ich habe den Song Zuhause in meinem Studio geschrieben, sie waren also quasi die ganze Zeit dabei. Sie kennen «Despacito» schon sehr, sehr lange, seit fast zwei Jahren. So lange gibt es den nämlich schon.

Sie haben acht Alben veröffentlicht, die in den lateinamerikanischen Märkten alle sehr erfolgreich waren. Wann kommt das neunte?


Bald. Es ist zu 95 Prozent fertig. Allerdings läuft «Despacito» gerade dermassen gut, dass ich nichts überstürzen will. Meine Karriere läuft schon seit 20 Jahren, und jetzt zünden wir die nächste Stufe. Das ist total ungewöhnlich, und im Moment fühlt sich das alles an wie eine Fahrt auf der Achterbahn.

Sie haben Musik studiert. Ist es wichtig, ein ordentliches Fundament zu haben?


Mir war das wichtig. Ich wollte der bestmögliche Musiker werden und die Musik aus so vielen Winkeln betrachten können. Ich will nicht nur Sänger sein, sondern auch was vom Schreiben, Arrangieren und Produzieren verstehen. Dass ich in jedes Detail eingebunden bin, ist gut für mich und meine Musik, das macht die Songs persönlicher und individueller.

Sie sind schon vor Papst Johannes Paul II. und vor Barack Obama aufgetreten. Waren Sie beeindruckt?


Oh, ja, was glauben Sie denn? Wenn dich diese tollen Menschen einladen, ist das eine Riesenehre. Für den Papst habe ich 2000 gesungen, in Rom, das war noch ziemlich am Anfang meiner Karriere und eines der grössten Konzerte, die ich je gespielt habe. Mein Auftritt für Barack Obama war bei der Verleihung des Friedensnobelpreises 2009 in Oslo. Wow. Obama war ein fantastischer Präsident, und es war unvergesslich, ihm die Hand zu schütteln.

Von Steffen Rüth

Quelle: Schweiz am Wochenende 7.7.2017

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