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Schweiz am Wochenende

«Ist die Liebe nicht immer kompliziert?»

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Dieser Artikel erschien ursprünglich in die "Schweiz am Wochenende".

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Weltstar Pink über ihr neues Album.

 Seit zwanzig Jahren hält Pink die Musikszene auf Trab. Im Gespräch mit der «Schweiz am Wochenende» erklärt sie, wie sie sich seither verändert hat und warum sie mit Ehemann Carey Hart nach wie vor zusammen ist.

Pink, bürgerlich Alecia Beth Moore, kommt grandios gelaunt in die Suite des piekfeinen Hotels Viceroy Santa Monica. Der 38-jährige Weltstar trägt eine rockige, bekritzelte Jacke, ein grünes, tief ausgeschnittenes Top, einen schwarzen Lackrock und lange, rote Stiefel. Sie wirft sich aufs Interviewsofa und legt los.

Anlass ist Pinks neues Album «Beautiful Trauma», das mit einer Mischung aus Electropop («What About Us») und angejazzten Powerballaden besticht. So sprunghaft wie die Platte verläuft das Gespräch. Pink hüpft von einem Thema zum nächsten. Zentral bleibt die wechselhafte Liebe zu Carey Hart sowie das grosse Glück als Mutter von Tochter Willow (6) und Söhnchen Jameson (10 Monate).

Pink, Sie haben eben Ihren 38. Geburtstag gefeiert. Wie?

Pink: Wir waren Rollerskaten, Willow und ich. Superkrass.

Wer fährt besser?

Naja, ich. Um einiges. Für Willow war es das erste Mal. Bald schon wird sie schneller sein. Das Mädchen ist begabt, in allem Möglichen. Sie hat so viele Talente. Viel von mir – und mehr. In ihr fliesst schliesslich auch das Blut von Carey Hart. Wenn du Careys und meine Gene zusammenschüttest, was ja jetzt zweimal geschehen ist, kommt etwas komplett Verrücktes, komplett Grossartiges heraus. Supersportlich, supercool und superdurchgeknallt.

Wie gehts dem zehn Monate alten Jameson?

Der Junge macht mich nervös. Der Kleine bedeutet Ärger. Eine Menge Ärger.

Wie waren Sie selbst als Kind?

Süss und brav. Ich war perfekt. (Pause, dann das schallende Gelächter). Blödsinn. Ich war nicht zu bändigen.

Sie waren im August in Berlin. War die Familie dabei?

Klar, alle, Mann. Willow kommt jetzt in ein Alter, wo sie Sachen wahrnimmt und aufsaugt. Irgendwann sagte sie zu mir «Mama, hier war früher eine Mauer, und jetzt ist sie weg». Ich habe ihr das dann erklärt, sie war richtig gerührt. Auch das Holocaust-Mahnmal haben wir zusammen besucht. Meine Tochter will gewisse Dinge, auch furchtbare, verstehen.

Wovon handelt «Beautiful Trauma», Ihr neues Album?

Von meinem Leben – ein schönes, traumatisches Durcheinander.

Geht es auch um Ihre Ehe?

Ja, es geht um die Liebe und darum, dass du den anderen lieben und hassen kannst. Gleichzeitig. Und da sind wir auch schon bei Carey und mir (lacht). Auseinandersetzungen sind immer wieder ein Thema zwischen uns, es passiert immer noch, dass es zu häuslichen Explosionen kommt. Oder Explosiönchen. Wir sind etwas gelassener und ruhiger geworden. Wenn du Kinder hast, kannst du dich nicht mehr komplett gehen lassen und im Haus herumbrüllen.

Viele Songs thematisieren die Unwägbarkeiten der Liebe. Woher kommt diese Skepsis?

Ich neige dazu, mit allem zu hadern. Und frage mich, wie lange dieses oder jenes wohl noch gut geht. Vielleicht bin ich auch einfach realistisch. Wo ist denn das Paar, das sich zu hundert Prozent sicher ist, dass es bis zum Ende zusammenbleiben wird? Ertappen wir uns nie bei der Fantasie, wie es mit einem anderen Menschen wäre?

In «Whatever You Want» benutzen Sie die Metapher eines Schiffes, das auch im Sturm Kurs hält.

Das sind Carey und ich! Wenn ich untergehe, dann mit ihm. Wenn schon alles in den Arsch geht, dann mit dir, du alter Ficker (lautes Gelächter).

 

Ihr habt euch in sechzehn Jahren Beziehung zweimal getrennt und seid wieder zusammengekommen. Weshalb ist eure Liebe so kompliziert?

Ist die Liebe nicht immer kompliziert? Ist sie nicht immer auch wacklig und unvollkommen? Bei uns gehören die Kämpfe nun einmal zum Leben, und damit auch zur Liebe. Wenn du ein wirklich leidenschaftlicher Mensch bist, dann schaffst du es einfach nicht, in ständiger Eintracht und in einem sachte plätschernden Flow vor dich hinzuleben. Ich bin ein Mensch, der klare Überzeugungen und Meinungen hat.

Wie sind Sie als Mutter?

Weiss nicht. Ich mache mir immer schrecklich viele Sorgen. Ich wäre gern lockerer.

Sie haben eine viel beachtete Ansprache gehalten, in der es darum ging, dass Ihre Tochter sich hässlich gefühlt hat, weil sie so jungenhaft aussieht. Wie fand Willow das, was Sie sagten?

Wir hatten über das Thema «Schönheit» vorher schon gesprochen, ich hatte ihr Bilder gezeigt von all den tollen Künstlern, die keiner offensichtlichen Norm entsprachen, und ihr von deren Leistungen erzählt. Ich habe ihr auch gesagt, dass sich früher viele Kinder über mich lustig gemacht haben. Das konnte sie gar nicht glauben, weil ich ihr ein und alles bin.

Ist die Familienplanung mit zwei Kindern abgeschlossen?

So was von. Eins ist eins, und zwei sind zehn. Als Willow zur Welt kam, blieb ich ein halbes Jahr zu Hause. Nach der Geburt von Jameson habe ich gleich weitergearbeitet. Das war krass, aber ich liebe nun einmal meine Arbeit.

Im Song «Barbie» geht es um das Gefühl, wieder Kind sein zu wollen. Geht Ihnen das wirklich so?

Absolut. Vor allem, seit ich selbst mit Kindern zusammenlebe. Ich schaue Willow beim Grosswerden zu und erlebe mit, wie frei dieses kleine Mädchen ist, wie offen und unverdorben. Ich würde gern wieder so alt sein wie sie. Ich meine, dieses ganze Erwachsenending, das ist anstrengend. Die Verantwortung, der Druck, die Nachrichten. Das überfordert mich manchmal. Man möchte sich oft nur noch in der Ecke verkriechen. Zurzeit ganz besonders.

Sie stammen aus Pennsylvania, einem US-Bundesstaat der «Abgehängten». Geht es in «What About Us» um sie?

Voll und ganz. Viele von uns fühlen sich alleingelassen und missachtet. Das darf nicht sein.

Wird gerade auch nicht besser mit der Regierung, oder?

Fuck. Ich beneide die Kanadier so sehr. Kanada macht es besser, viel besser. Oder Länder wie Schweden, wie Norwegen oder die Schweiz. Ich finde, in der Welt muss es ganz schnell mehr Liebe und weniger Hass geben.

Nach den rechtsradikalen Krawallen von Charlottesville haben Sie einen Kommentar gepostet, in dem Sie die Nazis von heute mit den Nazis im Deutschland der Dreissigerjahre vergleichen.

Ja, ich habe Angst, dass wir in den USA gerade diesen Weg beschreiten. Ich bin der festen Ansicht, dass die schlimmsten Dinge in der Geschichte der Menschheit deshalb passiert sind, weil die Leute glaubten, sie könnten nicht passieren. Wir alle müssen sehr wachsam sein, was Freiheit, Gemeinschaft, Toleranz und Menschlichkeit angeht. Ich fühle mich zu einem gewissen Grad verantwortlich, diese Dinge öffentlich anzusprechen. Denn ich will ganz entschieden keinen Hass und keine Intoleranz in der Welt mehr sehen. Meine Mutter ist bekanntlich jüdisch, ihre ganze Familie ist jüdisch, die Geschichte darf sich nicht wiederholen.

«Es gibt nicht genug Klebeband, um mir den Mund zu stopfen», singen Sie in «Wild Hearts». Ist das eine Art Fortsetzung von «Dear Mr. President», das sich seinerzeit gegen George W. Bush und seinen Irak-Krieg richtete?

Durchaus. «Wild Hearts» ist mein Aktivismus-, Aktivierungs-Song. Den musste ich einfach schreiben. Es geht darin insbesondere um die Rechte von uns Frauen. Aber es kann sich ein jeder, der sich verfolgt und unterdrückt fühlt, gern angesprochen fühlen.

Wie wird das weitergehen mit Donald Trump?

Ein Gutes hat die Sache ja: Viele junge Leute, die ich kenne, beteiligen sich jetzt, sie gehen zu Demonstrationen und bringen sich politisch ein. So etwas gab es früher nicht in dem Ausmass. Ich kann mich an keinen Präsidenten erinnern, der die Leute so auf die Barrikaden und zum Engagement gebracht hat wie er gerade. Ich bin zuversichtlich, das Pendel wird auch wieder in die andere Richtung schwingen, die Jugendlichen werden die Welt rocken. Manchmal weisst du erst zu schätzen, was du hast, wenn du für die Dinge kämpfen musst, die dir wichtig sind.

 

Jetzt auf

Werden Sie in den USA bleiben, egal, was passiert?

Ich denke nicht daran, den Schwanz einzuziehen. Dann hätten die anderen gewonnen. Wie gesagt: Auch dieses Land ist überwiegend bevölkert mit tollen Menschen. Meine Familie hat einen militärischen Hintergrund, sie hat gekämpft für die Rechte dieser Menschen, die Rechte aller Menschen. Ich bin sehr patriotisch, und ich denke: Patriotismus bedeutet, Fragen zu stellen. Um Autoritäten zu respektieren, musst du sie hinterfragen.

Ist es Ihnen wichtig, ein gutes gesellschaftliches Vorbild zu sein?

Ich weiss es nicht. Ich bin nicht perfekt, ich habe einen ziemlichen Sinn für Humor. Doch ja, ich setze mich ein für «Liebe statt Hass», für Minderheiten, Homosexuelle, Verfolgte. Die Leute da draussen sollen einfach mir zuhören, dann wird alles gut (lacht laut).

Ihre Karriere läuft jetzt schon seit fast zwanzig Jahren. Für einen Popstar ist das ungewöhnlich lang.

Ich weiss. Ich spüre grosse Dankbarkeit. Und auf Tour erkenne ich Menschen wieder, Leute, die schon seit Ewigkeiten dabei sind. Das ist ganz toll.

Werden Sie Ihren Job nie leid?

Nein, ich werde weitermachen. 40 ist das neue 20. Ich bleibe dabei, bis ich umfalle oder durchdrehe (lacht).

Der Song «Revenge» ist ein Duett mit Eminem. Wie ist es dazu gekommen?

Ich schrieb ihm eine Art Liebes-E-Mail. Ich fragte, ob er in dem Song mitmachen möchte. Er hat zugesagt und hat seinen Rap-Teil in Rio de Janeiro aufgenommen.

Er rappt eine Zeile, in der das Wort «whore», also Hure, vorkommt. Darf er das?

Sicher darf er das. Ist doch witzig. Meine Tochter fragte auch nach dem Wort, und ich sagte, er rappt «horse». Da war sie etwas misstrauisch und fragte, warum. Ich meinte «Na, er mag halt Pferde gern.» Ach, jeder ist so schnell beleidigt und so überaus beleidigungswillig. Dabei ist manchmal ein lockeres Lachen und ein kräftiges «Leck mich» doch die beste Reaktion, die es gibt.

 

von Ryan Aylsworth

 

Quelle: Schweiz am Wochenende 13.10.2017

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