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Schweiz am Wochenende

Haben wir mehr Stress als früher – oder jammern wir nur mehr?

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Dieser Artikel erschien ursprünglich in die "Schweiz am Wochenende".

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Haben wir heute mehr vor? Sind wir überfordert, oder reden wir bloss davon? Und: Hat Stress eigentlich etwas Gutes?

Man kann es nicht mehr hören. Auch wenn man es selbst hin und wieder sagt. Wenn das Gegenüber von Überlastung spricht, denkt man nicht selten: Ja, ja, du hast einfach immer Stress. Man unterstellt: Du hast Minderwertigkeitskomplexe, daher tust du dich so hervor, oder man kontert: Mir geht es genau gleich.

Stimmt das? Haben wir wirklich alle so viel zu tun? Druck auf der Arbeit? Chaos im Privatleben? Schicksalsschläge noch und noch? Oder sprechen wir bloss mehr darüber?

Die Freundin, die seit Monaten auf Jobsuche ist, erklärt abends beim Glas Wein, dass sie im Stress ist. Die Bekannte, die seit Wochen im Ferienhaus verweilt und dort (freiwillig) die Wände streicht, sagt: «Es ist so viel Arbeit.» Das Gejammer prasselt auf einen ein, während man selber gerade Überstunden schiebt. Wir haben das Verhältnis verloren zur Arbeit, zur Freizeit, wir haben die Balance verloren. Und statt etwas gegen den schleichenden Stressismus zu tun, lassen wir uns von den Wellen überfluten, kommen wir zum Luftschnappen, fällt uns nichts Besseres ein, als vom Wasser, das uns um den Hals schwappt, zu berichten. Eine verzwickte Lage. Wir haben nachgefragt und wollten von Stressperten wissen, was schiefläuft und wie wir der Stress-Spirale entkommen.

Stress ist positiv

Ja, heisst es einstimmig, wir haben mehr Stress als früher. «Stress bedeutet ein Ungleichgewicht zwischen den Belastungen und den eigenen Möglichkeiten, sie zu bewältigen», sagt Patricia von Moos. Die Psychologin spricht von Reizüberflutung. Dr. Stress – ja, sie nennt sich wirklich so – ist ebenfalls dieser Meinung. Unser Leben habe sich beschleunigt und verdichtet. Schuld sind Digitalisierung, Mobilität, Flexibilität und die ständige Erreichbarkeit. Das fordere uns stark und – aber dazu kommen wir später – «wer sich nicht abgrenzen und gezielt erholen kann, wird immer weniger belastbar», sagt Dr. Stress. Hinter dem Pseudonym steckt Martina Schonert-Hirz, die deutsche Ärztin lehrt Menschen in Vorträgen und Seminaren, mit Stress umzugehen. Dabei fallen Mantras wie: Lieben Sie Ihren Stress!

Dr. Stress ist überzeugt: Stress ist positiv. «Es ist die Fähigkeit unseres Gehirns, uns in Leistungsbereitschaft zu versetzen, wann immer es nötig ist. Das sei gut so und helfe uns, unser Leben zu bestehen. Auch Nina Zumstein vom Verein Gesundheitsförderung Schweiz erklärt, dass kurzfristiger Stress zur Weiterentwicklung beitragen kann. Sie macht den Muskelvergleich. Einen Muskel muss man belasten, um ihn zu stärken. Meistern wir eine belastende Situation gut, haben wir Erfolg, das stellt uns zufrieden, wir vertrauen auf unsere Fähigkeiten. Stress gibt uns auch das Gefühl, wichtig zu sein, Dinge richtig zu machen.

Positiv gestresste Menschen sind zufriedener und lösen Aufgaben kreativer und fokussierter. In der Fachwelt spricht man von Eustress (ausgelöst durch Hochzeit, Verliebtheit). Das negative Stressgefühl nennt man Distress (Todesfall, Überforderung).

Von Letzterem ist die Rede, wenn sich jemand dauerhaft und intensiv überfordert fühlt. Dr. Stress resümiert: «Die negative, gereizte Stimmung nimmt überhand. Man motzt alle an, findet alle blöd, will sich nur noch verkriechen. Man macht viele Fehler, schläft schlecht, die Konzentration wird schwächer.» Es kommt zu gesundheitlichen Beschwerden bis hin zu psychischen Erkrankungen.

So weit sollte man es gar nicht kommen lassen. Bleiben wir beim täglichen Stress, der normal ist – und dennoch oft belastet. Studien belegen, dass uns alltägliche Ärgernisse (Zug verpasst, Streit mit Kollegen) das Leben schwermachen. Sie sollen gar schädlicher sein als grosse Lebensereignisse. Es ist diffuser Stress, der am Ende des Tages riesig ist. Zu Hause angekommen, lässt sich die Ursache für die Überforderung meist nicht erklären.

Um ihn richtig zu handeln, sprechen die Experten von der Balance zwischen Anspannung und Entspannung. Patricia von Moos gibt an: «Unter Stress ist es wichtig, dass sich die Phasen der An- und der Entspannung regelmässig abwechseln.» Energiemanagement nennt man das. Bei allen Gesprächen mit den Stress-Experten fällt immer wieder das Wort «Ressourcen». Gleichzusetzen mit Schutzfaktoren. Um den Belastungen standzuhalten, müssen wir genügend Ressourcen parat haben.

Wir müssen flexibler sein

Diese Ressourcen kann jeder für sich aufbauen und stärken. Wenn sich in unserer Umwelt alles wandelt, müssen wir für Stabilität in unserem Inneren sorgen. Und: den nervigen Chef kann man nicht gross beeinflussen, und wenn, benötigt man dafür viel Energie. Und die sollte man besser in sich selbst investieren. Wie das geht, weiss von Moos. Sie ist Resilienztrainierin. Resilienz ist gerade sehr «in Mode». Dabei geht es um unsere psychische Widerstandsfähigkeit.

Während der eine aufgrund einer kleinen Kritik aus dem Gleichgewicht gerät, weiss der andere mit Krankheit, Herzinfarkt in der Familie und Hausbau gut umzugehen. Warum ist das so, fragen wir von Moos. Ihre Antwort: 1. Charaktersache, die auch genetisch bedingt ist, 2. Elternhaus, wie sind wir aufgewachsen, 3. Lebenserfahrung, Kompetenzen und Strategien, die wir erlernt haben. Bei Punkt 3 kann jeder ansetzen, um widerstandsfähiger und somit stresstoleranter zu werden. Wir können unser psychisches Immunsystem trainieren. Erst sich des Problems bewusst werden, dann gegensteuern. «Wir können lernen, uns selbst zu regulieren», sagt von Moos. Menschen, die das können, sind nicht härter, sondern flexibler.

Verwenden wir den Begriff «Stress» nun inflationär? «Teilweise schon. Zeitdruck etwa wird oft mit Stress gleichgesetzt, obwohl kurzfristiger Zeitdruck noch lange nicht schädlich ist», sagt Nina Zumstein. Das merkt auch die Kollegin an: Wir sagen einfach immer, dass wir Stress haben. Aber eigentlich haben wir bloss viel zu tun, sind ausgelastet.

Das ist das Verzwickte. Wenn wir bei jedem Arbeitsaufwand, bei jeder Forderung das Unwort Stress in den Mund nehmen, glaubt uns irgendwann keiner mehr. Und das Schlimmste: Wird die Überlastung dauerhaft, und selber gesteht man sich das nicht ein, merkt es auch sonst niemand.

Jetzt auf

«Wir reden heute mehr über Stress als früher. Das Thema ist salonfähig», erklärt Zumstein. Das sei sinnvoll, denn so könne man auf Signale achten – bei sich und bei anderen. Klar gebe es Leute, die allein darauf zielen, Aufmerksamkeit zu bekommen und mit ihrer Verantwortung zu hausieren. Doch wenn jemand angestrengt wirkt oder wieder einmal sagt, «Ich bin im Stress», sollte man nicht automatisch antworten, «Boah, ich auch», oder «Du bist doch immer im Stress». Sondern zuerst einmal fragen: «Was ist denn genau los? Wie kann ich dir helfen?» Dann merkt man, ob es Gestöhn oder tatsächlich ernst gemeint ist.

Von Alexandra Fitz 

Quelle: Schweiz am Wochenende 7.7.2017

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