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Schweiz am Wochenende

Haarige Männlichkeit: Vollbart bleibt im Trend – im Unterschied zum Schnauz

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Nach David Beckham feierte der Vollbart seine Auferstehung. Seither wurde er oft für tot erklärt – und ist dennoch en vogue geblieben. Zu kämpfen hat hingegen der Schnauz.

David Beckham ist daran schuld. Der Ex-Fussballer wurde Anfang der Nullerjahre als Idealtypus des metrosexuellen Mannes gefeiert. Es schien, als ob der Brite mehr Zeit vor dem Spiegel verbringen würde als auf dem Fussballfeld. Er pflegte seine glattrasierte Haut, er liebte Mode, er lebte fürs Aussehen. Das war der Moment, als das Bild des starken Mannes wieder einmal Risse erhielt. Der neue Mann war kokett, übereitel, mehr der eigenen Weiblichkeit zugeneigt als seiner Männlichkeit – und kam bei Frauen bestens an.

Die Männer reagierten darauf wie Männer in solchen Situationen immer: Viele machten sich lustig darüber, andere fluchten und keiften, manche zeigten sich betont desinteressiert, und wenige suchten Wege, ihre gefährdete Spezies zu retten. Einen gangbaren Weg fanden Letztere im Bart – zu Beginn im Drei- und Fünftagebart, bald im Vollbart. Der «männliche» Mann wähnte sich wieder in Sicherheit. Und die Wissenschaft gibt ihm rückblickend recht. Studien des Bartforschers Barnaby J. Dixson von der University of Queensland in Brisbane zeigen, dass Männer mit Bart als maskuliner und selbstbewusster bewertet werden.

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Frauen stehen auf Dreitagebart
Das Barthaar spriesst ab der Pubertät und wächst etwa 0,4 Millimeter pro Tag. Um einen Vollbart heranwachsen zu lassen, dauert es mehr als sechs Wochen. Er steht indes nicht allen Männern. «Der Vollbart muss zur Persönlichkeit passen», unterstreicht Franco Nocito, erfahrener Barber aus Brugg AG (siehe Interview). «Der Bart ergänzt die Gesichtslinien. Ein Vollbart steht Männern mit eher rundem Gesicht. Er zieht ihr Gesicht in die Länge.» Manche Männer sind zudem mit dichtem Bartwuchs gesegnet, andere nicht. «Bei wenig ausgeprägtem Wuchs ist es besser, versuchsweise einen Dreitagebart zu tragen oder noch besser auf die Glattrasur zu setzen.»

Der Mensch beurteilt sein Gegenüber in Millisekunden, der Blick ins Gesicht spielt dabei die entscheidende Rolle. Daher: Wie attraktiv finden Frauen Männer mit Vollbart? In einer Umfrage der Online-Partnervermittlung Par-ship.de fand überraschenderweise nur jede zehnte Frau Gefallen am Vollbart. Am besten schnitt der Dreitagebart ab; er wurde von knapp der Hälfte der Frauen als sexy eingestuft.

Ein differenzierteres Bild zeichnet Bartforscher Dixson. Er wies beispielsweise nach, dass in Grossstädten lebende Frauen Männer mit Bart attraktiver finden als Frauen, die in kleineren Städten wohnen. In grossen Städten leben viele Männer auf engstem Raum. Wer dort einen Vollbart trägt, setzt sich ab und markiert offenbar Dominanz. Und Dominanz kann, wie man weiss, attraktiv wirken.

Teil einer Bewegung
Der Vollbart wurde in den vergangenen Jahren, nach dem ersten Hype, oft totgesagt. Franco Nocito winkt ab: «Das ist Quatsch. Der Vollbart ist kein Trend. Er ist Teil einer Bewegung.» Allerdings sind einige Lifestyle-Experten überzeugt, dass der Schnauz demnächst den Platz des Vollbarts übernimmt. Fernsehserien wie «Lethal Weapon» oder «The Deuce» mit schnurrbärtigen Hauptdarstellern böten die entsprechenden Anschauungsbilder, sagen sie. Barber Nocito sieht das anders. «Der Schnauz wird sich nicht durchsetzen», sagt er. «Er ist unbeliebt und nur etwas für Trendbewusste, wenn überhaupt.»

Der Pflegeaufwand für den Schnauz ist ausserdem erheblich. Zum einen muss er regelmässig gestutzt werden, zum anderen erfordern Wangen, Kinn und Hals die übliche Rasur. «Es ist einfacher, sich glattzurasieren oder einen Bart zu tragen, der weniger oft gepflegt werden muss», erklärt Nocito. Zudem fällt die weibliche Begeisterung für den Oberlippenbart bescheiden aus: In der Parship-Umfrage gaben nur zwei Prozent der Frauen an, bei Schnurrbärten schwach zu werden.

Vollbart, Dreitagebart, Schnauz, Glattrasur: Es ist nicht einfach, das Passende zu finden. David Beckham hat dem modernen Mann viel Orientierungsarbeit aufgebürdet. Anderseits lebt ihm Der Ex-Kicker eine simple Bewältigungsstrategie vor: Beckham probiert alles aus.

So war er vor wenigen Tagen an der Modeschau seiner Frau in New York mit unordentlichem Kurzbart zu sehen; vergessen die penible Glattrasur der Nullerjahre. Männlichkeit kennt viele Gesichter.

Von Claudio Moro

Quelle: Schweiz am Wochenende 16.2.2018

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