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Schweiz am Wochenende

Fantastischer als im Film: Auf den Spuren von «Games of Thrones» durch Nordirland

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Dieser Artikel erschien ursprünglich in die "Schweiz am Wochenende".

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Auf den Spuren der Erfolgsserie «Game of Thrones» trifft unsere Autorin auf das sagenumwobene Nordirland.

Das eine Auge zugekniffen, der Stand leicht seitwärts und den Bogen in den Händen gespannt. So stehe ich da, während der Wind meinen Umhang wehen lässt. Ich atme tief ein, ziehe die Sehne noch etwas stärker an und lasse sie los.


Der Pfeil sirrt durch die Luft und trifft mit einem dumpfen Geräusch auf die Zielscheibe. Will nickt anerkennend. Er ist einen Nachmittag lang unser Bogen- und Schwertmeister, trägt altertümliche Roben, einen Pelzmantel und im Gurt ein Gummi-Schwert. So sind wir alle gekleidet. Die Gewänder sind der Erfolgsserie «Game of Thrones» nachgestellt, einige Kleidungsstücke wurden sogar von den Schauspielern selbst getragen.

Wir befinden uns auf dem nordirischen Herrenhaus Castle Ward, das in den ersten beiden Staffeln der Serie als Schloss Winterfell diente, dem Sitz der Familie Stark. Will führt uns herum, zeigt Bilder von Szenen aus «Game of Thrones» und führt uns an die Schauplätze rund um Castle Ward.

Es ist nicht der einzige Drehort, den wir auf der Reise durch Nordirland zu Gesicht bekommen. Während einer Woche gilt es die Höhlen, Wiesen und Wälder zu entdecken, in denen Jahre zuvor Szenen für die Serie gedreht wurden. Dabei wird rasch klar: Die Schauplätze sind nicht nur für die Fans interessant. Die eindrucksvollen Naturphänomene begeistern auch ohne Hollywood-Hintergrund.

Zudem reichen die mystischen Bezüge weit in die Vergangenheit. Den unzähligen Legenden nach sollen nämlich Feen, Riesen und Kobolde die immergrüne Insel erschaffen haben. Von diesem Immergrün ist bei der Ankunft jedoch kaum etwas zu sehen – es regnet aus Kübeln. Aber wie könnte es auch anders sein? Gutes Schuhwerk und die Regenjacke sollte jeder Tourist, der nach Nordirland reist, einpacken. Am Flughafen treffen wir auf Billy, unseren Reiseführer, der sogleich in typisch irischer Manier über sein Land und die bevorstehende Reise zu erzählen beginnt.

Wer denn der «Thronie» der Gruppe sei, fragt er und lacht. So werden die Fans von «Game of Thrones» genannt. Ich hebe die Hand, deswegen habe ich mich für diese Reise schliesslich angemeldet. Billy drückt mir mehrere Unterlagen in die Hand: Eine Karte und Informationen über die Drehorte, eine «Game of Thrones»-Stempelkarte und eine Liste der Schauspieler und der Hotels, in welchen sie während ihres Aufenthaltes in Nordirland übernachtet haben. Thronies kommen hier sicher nicht zu kurz.

Bevor diese aber auf ihre persönlichen Kosten kommen, gilt es, die sonstigen Highlights des Landes zu entdecken. Nordirland hat viel zu bieten, wie die Hängebrücke Carrick-a-Rede, viele alte Herrenhäuser und Schlösser, die Glenariff-Wasserfälle oder die szenische Küstenroute von Belfast bis Derry.

Von Touristen überrannt
Eine der berühmtesten Attraktionen ist der Giant’s Causeway. Der «Damm des Riesen» besteht aus vulkanischen Steinformationen, wobei sechseckige Säulen nebeneinanderstehen und wie ein zu gross geratenes Puzzle wirken. «Wisst ihr, dass ein Ire den Giant’s Causeway erschaffen hat?», fragt Billy, während wir den berühmten Küstenweg ansteuern. Es ist nicht die erste erfundene Geschichte, die er uns auftischt. Ganz der irischen Mentalität entsprechend, greift der Reiseführer bei jedem historischen Denkmal eine fantastische Geschichte auf.

Es sind jene irischen Sagen, die auch dem Küstenabschnitt mehr Magie einhauchen. Billy erzählt vom irischen Riesen Finn McCool, der im Streit mit einem schottischen Riesen eine Meeresbrücke aus Steinen geschaffen haben soll, um auf die andere Seite zu gelangen und den Widersacher zu besiegen.

Etwas stört jedoch die Idylle: die unzähligen Besucher. Irland ist zwar um eine ökologische Haltung bemüht, doch die vielen Touristen zerstören das Landschaftsbild. Asiaten, Amerikaner, Engländer – sie alle hüpfen auf den Steinen herum, knipsen Fotos und Selfies und versperren sich gegenseitig die Sicht. Dadurch weisen die Säulen bereits starke Abnutzungen auf.

Als weiterer Ort vereinen die Eichen der Dark Hedges die «Game of Thrones»-Leidenschaft mit der faszinierenden Natur. So knorrig und verworren wie sie in die Strasse hängen, wirken sie wie Hexenbäume. Rund um die Hecke herrscht gewöhnlich ein Touristenansturm. Es lohnt sich daher, die Eichen und damit einen weiteren Schauplatz frühmorgens zu besichtigen.

Informationsschilder verweisen auf die Drehorte von «Game of Thrones» und geben einen Überblick über die Szenen. Dieselben Schilder stehen auch vor den Cushendun Höhlen oder dem Downhill Strand. Die Natur von Nordirland eignet sich hervorragend für Filme. Die Wälder, Wiesen, Küsten und Höhlen, von denen es so zahlreiche gibt, erzählen bereits eigene Geschichten. Das Land selbst bietet viel an Inspiration – nicht nur für erfolgreiche Serien, sondern auch für Naturliebhaber.

Gespaltene Gesellschaft
Aber so friedlich und mystisch die Natur in Nordirland ist, so tief sitzt der Hass in den Städten, wo Nationalisten und Loyalisten noch immer verfeindet sind. Erinnerungen an die heftigen Konflikte sind überall anzutreffen: Die Stadt Derry durchzieht beispielsweise eine Mauer, auf der noch immer Kanonen stehen. Und in Nordirlands Hauptstadt Belfast erinnern zahlreiche Wandmalereien an die Fehden zwischen Iren und Nordiren. Zwischen diesen sogenannten Murals finden sich immer wieder Gedenkstätten für die zahlreichen Opfer des Krieges.

Die tiefen Gräben in der nordirischen Gesellschaft sind bis heute spürbar. Nachts werden die Tore noch immer geschlossen, die den katholischen Teil der Stadt vom protestantischen teilen.

Nach wie vor kommt es zu Ausschreitungen und Kämpfen auf den Strassen. Zum Teil finden sie direkt neben jenen bunten Malereien statt, die an den Frieden appellieren. Doch auch sie beinhalten stets eine Warnung: «Bereit für den Frieden, aber gewappnet für den Krieg.» So bunt die Stadt Belfast auch sein mag, so grau ist ihre Vergangenheit, die noch immer wie ein Schleier über der Gegenwart hängt.

Rund um Castle Ward ist davon kaum etwas zu spüren. Die Kämpfe mit Schwertern, Pfeil und Bogen sind nachgestellt – wie in «Game of Thrones». Unsere Spiele vor dieser Kulisse verschmelzen mit den Handlungen der Serie. Will zeigt auf eine Ruine: «Dort wurde Brandon Stark vom Turm gestossen», sagt er und zeigt schon auf den nächsten Punkt: «Hier hat Arya Stark ihren ersten Pfeil abgeschossen» oder «durch dieses Tor ritt die Familie Lannister.»

Will ist kaum zu stoppen. Verständlicherweise, es ist ein unglaubliches Gefühl, auf demselben Platz zu stehen, wie die Helden der Lieblingsserie. Und so fühlt es sich tatsächlich ein wenig wie im Film an, als ich bewaffnet mit Schwert und Bogen über denselben Platz schreite wie die Familie Stark einige Zeit zuvor.

von Sarah Kunz

Quelle: Schweiz am Wochenende 15.12.2017

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