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Fact-Checker Mikkelson über Fake News : «Trumps angeblicher Durchfall interessiert mehr als Syrien»

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Dieser Artikel erschien ursprünglich in die "Schweiz am Wochenende".

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Die Kontrolle von Fake News ist sein Geschäft: David Mikkelson über die Faszination von erfundenen Geschichten.

Das Internet hat sich zu einem undurchsichtigen Nachrichten-Dschungel entwickelt. Was ist wahr, was ist falsch? David Mikkelson (56) beschäftigt sich tagtäglich mit dieser Frage. Seine Website Snopes.com gehört zu den Internet-Fact-Checkern der ersten Stunde und hilft neu auch Facebook bei der Filterung von Fake News. Mitte der 90er-Jahre, zu Beginn von «Snopes», handelten die Artikel auf der Seite vom mysteriösen Affenmenschen Bigfoot und von E-Mail-Viren. Doch seit dem Wahlkampf zwischen Donald Trump und Hillary Clinton geht es in 90 Prozent der «Snopes»-Storys um US-Politik.
Kürzlich weilte Mikkelson auf Einladung der US-Botschaft in der Schweiz und lud zu einem Hintergrundgespräch mit Medien. Der «Schweiz am Wochenende» gewährte er ein Interview. Er verrät, weshalb «Snopes» lieber über angebliche Liebesaffären von Barack Obama als über Syrien berichtet, was die Probleme beim Fact-Checking sind – und ob Elvis lebt.

Herr Mikkelson, im letzten US-Präsidentschaftswahlkampf kursierten unzählige Fake News. Gab es mehr Falschmeldungen über Hillary Clinton oder Donald Trump?

David Mikkelson: Mengenmässig war es etwa gleich. Aber die Fake News über Donald Trump waren tendenziell positiv, und über Hillary Clinton eher negativ. Es hiess, sie werde bald verhaftet, weil sie ihr privates E-Mail-Konto für staatliche Angelegenheiten nutzte. Ihr Gesundheitszustand sei sehr schlecht. Und Sie habe Uran an Russland verkauft.

Weshalb kam Trump besser davon?

Wahrscheinlich weil es einfacher war, Clinton zu kritisieren, da sie schon ihr ganzes Leben lang Politikerin war, Trump nicht. Bei Trump beschränkten sich die Meldungen vor allem auf sein Privatleben. Eine Frau behauptete, dass er sie als 13-Jährige vergewaltigte, doch die Klage versandete. Und es gab viele Geschichten, wie erfolgreich und spendabel er als Geschäftsmann war, was aber auch nicht immer stimmte.

Haben Fake News den Ausgang der Wahlen beeinflusst?

Für mich ist das nicht eindeutig. Es gibt ja die Filter-Bubble-Theorie, wonach wir nur das lesen, mit dem wir sowieso schon einverstanden sind. Die meisten Wähler wussten früh, wem sie ihre Stimme geben würden. Allerdings nimmt die Polarisierung durch die sozialen Medien zu. Demokraten sind für scharfe Waffengesetze, Republikaner dagegen. Punkt. Es gibt keine Diskussionen mehr über einen Mittelweg.

Wer ist aktiver im Verbreiten von politischen Fake News, das rechte Lager oder das linke?

Lange Zeit stammten 90 Prozent von der Rechten. Erst seit neustem ist es etwa fifty-fifty. Wieso, weiss ich nicht.

Wie erklären Sie sich das plötzliche Aufkommen von Fake News?

So plötzlich kamen sie gar nicht. Mitte der 1830er-Jahre berichtete die «New York Sun» in einer sechsteiligen Serie über Menschen, die auf dem Mond leben, belegt mit wissenschaftlichen Fakten. Natürlich war alles frei erfunden, es ging nur darum, Zeitungen zu verkaufen. Aber Fake News waren früher Ausnahmen. Es gab keine Medien, die ausschliesslich Lügen verbreiteten. Und wenn, dann waren sie offensichtlich falsch. Heute sind Fake News für manche Menschen ein Geschäftsmodell.

Auch im Rahmen der US-Wahlen.

Die Politiker erkannten erst 2008 beim Wahlkampf von Barack Obama die Macht des Internets. Bis dahin ging es darum, Kandidaten online zu unterstützen. Doch dann ging es los mit den Gerüchten: Er ist Muslim! Er wurde nicht in den USA geboren! Seine Geburtsurkunde ist gefälscht! In den letzten Präsidentschaftswahlen kamen zusätzlich Bots zum Einsatz, die automatisch und regelmässig Diskussionen im Netz befeuerten. Gewisse Leute, auch Teenager in Mazedonien, erkannten, dass man mit Fake News auch Geld machen kann. Und es gibt keine Strafe dafür, Lügen zu verbreiten.

Auf Snopes.com tauchen regelmässig Artikel über Obama auf, obwohl er das Weisse Haus im Januar verlassen hat.

Das ist so. Es gab Leute, die sagten, Obama baue eine Schattenregierung auf im Kampf gegen Trump, oder er manipuliere das Gesetz, um eine dritte Amtszeit anzusprechen. Oder noch besser: Die Obamas würden sich scheiden lassen. Es gebe ein Bild von Obamas schwangerer Freundin. Oder Michelle Obama sei als Mann geboren worden. Sie lassen Obama nicht in Ruhe. Um Hillary hingegen wurde es deutlich ruhiger.

Bei den Wahlen in Frankreich und den USA hiess es, Russland habe seine Hände im Spiel mit Fake News. Sehen Sie das auch so?

Es gibt auf jeden Fall in Russland und Umgebung viele Leute, die Fake News rauspumpen. Aber ich bin skeptisch, ob sie wirklich Trump halfen. Ich glaube, sie wollten in erster Linie die USA schlecht und chaotisch aussehen lassen. Ich sehe keine grosse Verschwörung dahinter, vieles ist Schall und Rauch.

Was ist denn die wirksamste Waffe im Kampf gegen Fake News?

Gewöhnlicher, guter Journalismus, so wie er sein sollte. Das Überprüfen der Quellen, bevor man die News rauslässt. Aber der Druck wird immer grösser. Alle wollen den Primeur zuerst. Wenn man online fünf Sekunden später rauskommt, kann das bei den Click-Zahlen einen riesigen Unterschied machen. Aber darunter leidet dann leider oft die Genauigkeit. Und je öfter das passiert, desto mehr leidet die Glaubwürdigkeit. Und gleichzeitig brauchen wir wohl auch bessere Leser. Die jüngere Generation ist mit den sozialen Netzwerken aufgewachsen, wo alle Nachrichten gleich aussehen und gleich gewertet sind.

Facebook wurde im Zusammenhang mit den US-Wahlen kritisiert, weil die Plattform Fake News zulässt. Nun will Mark Zuckerberg dagegen vorgehen – unter anderem mit Ihrer Hilfe. Wie sieht diese Kooperation aus?

Ich möchte betonen, dass mir Facebook leidtut. Die Firma selber produziert ja keine Fake News. Facebook ist wie eine Pinnwand. Trotzdem kritisieren alle Facebook. User können nun Artikel melden, die sie für falsch halten. Wir erhalten dann eine Liste davon. Wenn wir die Story überprüft haben, markieren wir sie entsprechend auf Facebook und verweisen auf den entsprechenden Artikel auf unserer Website.

So einfach?

Nicht ganz. Momentan braucht es zwei Fact-Checking-Organisationen, die die Story eindeutig als falsch beurteilen, bevor Facebook die User warnt. Und wenn sieben Fact-Checker eine Story als falsch bezeichnen, einer sie aber für wahr hält, dann publiziert Facebook keine Warnung. Sie sind noch sehr vorsichtig.

Bezeichnen Sie sich als neutral?

Ja. Aber natürlich habe auch ich persönliche Ansichten, das ist menschlich. Manchmal wähle ich republikanisch, manchmal demokratisch. Auch unsere Redakteure haben Meinungen. Aber in unserer Arbeit sind wir neutral, das ist zumindest unser Anspruch.

Was ist schwieriger für das Fact-Checking – wenn man zu viele Informationen hat, oder zu wenig?

Schwierige Frage. Früher erhielten wir Videos per Mail, ohne irgendwelchen Kontext. Damals gab es ja noch kein Youtube mit Hinweisen zur Quelle. Heute verschicken die Leute Videos, wo wir uns vielmehr fragen müssen, was zeigen sie wirklich.

Ein Beispiel?

Nehmen wir einen Videoausschnitt, in dem ein Polizist einen Protestierenden schlägt, mit dem Hinweis, es sei in Berkeley im Mai 2017 aufgenommen worden. Was wir nicht wissen: Wieso kam es dazu? Manche sagen, das sei Polizeigewalt. Andere sagen, der Protestierende warf Steine auf den Polizisten. Es geht um die Interpretation der Bilder. Dasselbe mit Fotos, die immer nur einen einzelnen Moment der Geschichte zeigen. Man weiss heute viel eher, von wann und wo es stammt, aber wir wissen nach wie vor nicht, was vorher und nachher geschah. Solche Unklarheiten macht sich die Politik immer mehr für ihre Botschaften zunutze.

Wie effektiv ist Ihr Fact-Checking?

Es hat Grenzen. Die Meldung, der Papst unterstütze Trump, wurde ein zigfaches mehr gelesen, als die Meldung, dass sie falsch ist. Richtigstellungen erhalten stets weniger Beachtung als die ursprüngliche Nachricht. Und dann gibt es Boulevardzeitungen wie die englische «Daily Mail», die regelmässig Falschmeldungen verbreiten und keine Korrigenda publizieren. Und trotzdem haben sie Erfolg.

Gibt es einen bestimmten Ablauf, dem Sie beim Fact-Checking folgen?

Das ist unterschiedlich. Manche Fake News sind einfach zu entlarven, wenn sie von bekannten Fake-News-Websites stammen. Wenn es irgendwo heisst, dass ein Politiker eine brisante Aussage gemacht hat, dann lässt sich das mit anderen seriösen Quellen abstimmen, da von ihnen fast alles auf Video oder als Transkribierung existiert. Andere Aussagen sind schlicht nicht zu beweisen. Oder wie wollen Sie überprüfen, ob es Geister gibt?

Kürzlich überprüften Sie die Meldung, ob ein irischer Tourist tatsächlich von einem Orang-Utan vergewaltigt wurde.

Genau (lacht), wir machen auch komische Sachen. Insofern sind wir populistisch.

Auf Ihrer Website wurde auch ein Bild falsifiziert, das einen angeblichen Durchfall-Flecken auf Donald Trumps Hose beim Golfspielen zeigte. Wieso nehmen Sie sich überhaupt die Mühe, solche Storys zu analysieren?

Das war eine Riesenstory!

Gleichzeitig gäbe es wichtige Fragen und Fakten zu klären zum Gasangriff in Syrien und der Reaktion der US-Regierung.

Klar, aber die Mehrheit in den USA interessiert sich mehr für den angeblichen Durchfall-Flecken auf seiner Hose als für Syrien. Wir berichten darüber, wofür sich die Leute interessieren. Relevanz ist für uns sekundär. Die meisten Amerikaner wissen nicht mal, wo Syrien auf der Weltkarte liegt, geschweige denn haben sie eine Ahnung, was dort los ist.

Sie verlangen besseren Journalismus und bezeichnen sich als Faktenchecker. Spüren Sie nicht eine Verantwortung, zur besseren News-Qualität beizutragen?

Das kann man so sehen. Aber was ist die grössere Verantwortung? Zu entscheiden, was wichtig ist oder das zu kontrollieren, was sich die meisten Leute ansehen. Wir versuchen zu vermeiden, den Leuten zu sagen, was relevant ist und was nicht. Wir urteilen nicht, wir überprüfen einfach.

Häufig werden Berühmtheiten fälschlicherweise für tot erklärt, zuletzt zum Beispiel der Komiker Eddie Murphy. Wer ist online am häufigsten gestorben?

Ich glaube Will Smith. Er wohnte lange Zeit ganz in der Nähe von mir. Ich hätte ihn also jeweils selber fragen können, ob er noch am Leben ist (lacht).

«Snopes» hat nur etwa zehn Redaktoren. Das britische Boulevardblatt «Daily Mail» zweifelte kürzlich die Qualifikationen Ihrer Angestellten an. Eine Redaktorin sei eine Cannabis rauchende Sexbloggerin. Und Sie selber hätten Firmengeld für private Abenteuer ausgegeben

Ich weiss, worauf Sie hinaus wollen: Was qualifiziert unsere Redaktoren? Es gibt keine Standardkriterien, die unsere Leute erfüllen müssen. Jeder bringt sein eigenes Können ein. Und die Vorwürfe an die Redaktorin, die Sie erwähnten, waren alte Geschichten, die nichts mit Ihrem Können als Fact-Checkerin zu tun haben.

Wer checkt die Fact-Checker?

Diese Frage können Sie unendlich lange stellen. Wer kontrolliert die Fact-Checker der Fact-Checker der Fact-Checker? Wenn wir etwas falsch vermelden würden, würden andere Medien und Fact-Checker darauf hinweisen. Die Branche korrigiert sich selber.

Zum Schluss, da Sie sich früher vor allem mit Verschwörungstheorien beschäftigten, ein paar Ja-Nein-Fragen. Fand die Mondlandung statt?

Ja.

Existiert Bigfoot?

Nein.

Landete 1947 ein UFO in Roswell, New Mexico?

Nein.

Hat Lee Harvey Oswald John F. Kennedy erschossen?

Ja.

Lebt Elvis?

Nein. Höchstens in unseren Herzen, dort lebt er ewig weiter (lacht).

Von Benjamin Weinmann

Quelle: Schweiz am Wochenende 19.5.2017

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