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Schweiz am Wochenende

Einst Tomaten, heute Touristen: Unterwegs auf dem «Minikontinent» Gran Canaria

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In den 60er-Jahren begann der Tourismus auf Gran Canaria zu florieren – Tomatenplantagen verschwanden. Unterwegs mit Manuel Medina, der inmitten der Touristenströme aufgewachsen ist.

Fast wie die Copacabana in Miniatur. Am Strand «Las Canteras» in der grössten Stadt der Kanarischen Inseln pulsiert das Leben. In der Ferne ragt der gewaltige Vulkankegel des höchsten Bergs Spaniens aus dem Dunst: Der Teide, Wahrzeichen der benachbarten Insel Teneriffa, ist meistens zu sehen.

Dicht an dicht stossen die Gebäude vor, bis an die Strandpromenade, wo Touristen und Einheimische ganzjährig an der Sonne flanieren. Nur die Phoenix Canariensis spendet etwas Schatten. Nach einem Palmenhain der endemischen Art erhielt Las Palmas einst seinen Namen. Heute zählt die Stadt 380 000 Einwohner.

Einer von ihnen ist Manuel Medina, kahler Kopf, Brille, kräftig gebauter Körper. Er kennt Strand, Stadt und Insel wie seine Hosentasche. 1960 wird Medina praktisch am Strand «Las Canteras» geboren. Der heute 57-Jährige wächst auf der boomenden Touristeninsel auf, verbringt sein halbes Leben unmittelbar am vier Kilometer langen Stadtstrand. Und doch sind zehn Jahre verstrichen, seit er das letzte Mal bei Ebbe zum Felsenriff geschwommen ist und seine Heimatstadt von hier aus mit leuchtenden Augen betrachtet hat.

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Das Land der Hunde
Besonderen Charme strahlen die beiden Altstadtviertel Vegueta und Triana aus. In ihnen prallen Geschichte und Moderne aufeinander: Der Kolonialismus ist manchen Gebäudefassaden noch heute abzulesen, wird hie und da aber durch Bausünden aus dem 20. Jahrhundert gebrochen. Wo in Triana einst Handwerker lebten, um den wohlhabenden Handelsfamilien zu dienen, befindet sich heute das kommerzielle Zentrum der Insel.

Vor der Kathedrale von Santa Ana wachen Hunde, die je nach Theorie den Kanarischen Inseln ihren Namen gegeben haben: Schon in der Antike sollen Römer Hunde auf die Inseln gebracht haben, die daher als «Canis Aria» (Land der Hunde) bezeichnet worden seien. Eine andere Theorie besagt, die Inseln hätten ihren Namen durch das afrikanische Canarii-Volk erhalten, die entweder mit den Venezianern oder Ägyptern auf die Insel gekommen seien.

In den 1970er-Jahren entdeckt Manuel Medina wie viele seiner Freunde das Nachtleben von Las Palmas. Zwölf Diskotheken Tür an Tür hätten damals für einzigartige Nächte gesorgt. «In Las Palmas herrschte ein grossartiges Ambiente», sagt er und schwärmt. «Wenn du in die Diskothek kamst, sahst du von oben fast nur blonde Haarschöpfe.» Medina lächelt. Durch Liebschaften lernt er zunächst die schwedische, später die deutsche Sprache.

Diesen Trumpf nutzt er heute noch für seinen Beruf als Reiseleiter. Einige Freunde folgen damals ihrer Liebe aus dem Norden. Sie ziehen weg, leben seit vielen Jahren in Schweden oder anderswo.

Das Ende der Plantagen
Es ist der Anfang des Massentourismus, der bald den praktisch unbesiedelten Südwestteil der Insel komplett einnimmt. 1965 wird damals noch inmitten von Tomatenplantagen das erste Hotel gebaut. Mittlerweile sind Täler mit riesigen Ferienkomplexen zugepflastert, ganze Touristenstädte gewachsen. Am eindrücklichsten sind die Anlagen rund um die Playa del Inglés (Strand des Engländers). Die Touristenregion im Südosten entwickelt sich unter anderem immer mehr zum Mekka für Homosexuelle.

Bis an die berühmten Dünen von Maspalomas ragen Hotelkomplexe, die in der nahen Vergangenheit nahezu ohne Restriktionen entstanden sind. Wissenschaftler vermuten, dass der Bauboom den Rückgang der Dünen verursacht.

Hektargrosse Tomatenkulturen wichen dem Tourismus. Wo heute keine Hotels stehen, ist die vulkanische Landschaft extrem karg und trocken. Nur noch die mühselig mit Steinen errichteten Bewässerungskanäle erinnern an die Agrarindustrie. Die insgesamt 62 Stauseen auf Gran Canaria, gebaut, um das spärliche Regenwasser zurückzuhalten, haben heute nicht mehr dieselbe Bedeutung.

Eine Vorschrift der Europäischen Union beschleunigte den Umbruch zur Tourismusbranche: So dürfen die Kanarischen Inseln nur bis im Mai ihre Tomaten nach Europa exportieren. Ab dann kommen vielfach holländische Hors-Sol-Tomaten auf den europäischen Markt. Unternehmer der Kanaren verlagern daher ihre Plantagen ins nahe Afrika.

Da auf den Kanarischen Inseln jahrein, jahraus ideale klimatische Bedingungen herrschen, ist die Ausgangslage ideal für den Massentourismus.

Ganz Europa strömt nach Gran Canaria und verbringt hier Badeferien. Die Mehrzahl verlässt das Hotel während des Urlaubs kaum, da die All-inclusive-Anlagen sämtliche Begehren der Gäste erfüllen. «Früher gingen die Leute abends aus, die Stimmung war völlig anders», sagt Manuel Medina.

Wer die Abgeschiedenheit sucht, wird auf der Westseite der Insel fündig. Hier winden sich die Strassen um die Abhänge mit vulkanischem Basaltgestein, führen an eindrücklichen Magmagängen vorbei. Im abgelegenen San Nicolas an der Westspitze der Insel sind Backpacker und Velofahrer in der Überzahl.

Mit einer eineinhalbstündigen Wanderung erreicht man von der Playa de la Aldea aus den idyllischen, verlassenen Strand El Puerto und den Balcón del Herrero (Balkon des Schmiedes): Ein Aussichtspunkt, der einen der spektakulärsten Blicke bietet. Da das Basaltgestein auf der gesamten Nordwestseite abrutschte, führt der mehrere hundert Meter tiefe Abhang direkt ins Meer. Dieses Naturphänomen bildete eine Felswand, die mit den zackigen Gipfeln an einen Drachenschwanz erinnert und deshalb «Cola del Dragón» genannt wird.

Am anderen Ende des Drachenschwanzes liegen Agaete und Galdár. Wie auf allen sieben Kanarischen Inseln ist die Vegetation auf der Nordseite viel ausgeprägter. Dies liegt an den Passat-Winden: Sie bringen feuchte Luftmassen. Weil es dennoch selten zu Regenergüssen kommt, nehmen die Pflanzen das Wasser mit den Blättern über die Luft auf.

Ferien für ganz Europa
Weiter in Richtung Süden liegt das imposante Tal «Fataga». Wie Archäologen vermuten, leisteten die indigenen Inselbewohner hier im Herzen Gran Canarias den spanischen Eroberern letzten Widerstand. Die archäologische Fundstätte La Fortaleza soll in den nächsten Jahren weitere Aufschlüsse über das Leben der Indigenen geben.

Drei Millionen Touristen besuchen mittlerweile jährlich Gran Canaria, das sich selbst gerne als «Minikontinent» bezeichnet. Trotz Massentourismus bietet die Insel abgelegene Oasen und Rückzugsorte, um die Geschichte der Insel zu berühren.

von Yann Schlegel 

Quelle: Schweiz am Wochenende 17.11.2017

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