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Foto: SRF
Schweiz am Wochenende

"Der Bestatter", "Wilder" und "Seitentriebe": Wird die Schweiz zum Serienland?

An den Solothurner Filmtagen laufen 2018 auffallend viele Fernsehserien. Direktorin Seraina Rohrer spricht von einer neuen Dynamik.

Müssen die Solothurner Filmtage in Solothurner Serientage umgetauft werden? Nein, nein. Aber eine sanfte inhaltliche Schwerpunktverschiebung lässt sich bei der kommenden Ausgabe des Festivals, Start am 25. Januar, nicht von der Hand weisen.

Liefen an den letzten Filmtagen noch 179 Filme, sind es nächstes Jahr nur noch 161. Dafür werden auffallend viele Fernsehserien zu sehen sein, darunter «Seitentriebe» von Güzin Kar und «Ondes de choc» der Westschweizer Produktionsfirma Bande à part Films als Weltpremiere.

Ist die Schweiz ein Serienland? Bisher galt das vielleicht, wenn es um das fleissige Konsumieren von Fernsehserien ging. Doch offenbar wandelt sich die Schweiz derzeit auch zu einer Hochburg in Sachen Serien-Herstellung. «In der Westschweiz werden schon seit einigen Jahren regelmässig erfolgreiche Serien produziert», sagt Filmtage-Direktorin Seraina Rohrer im Gespräch mit der «Schweiz am Wochenende». «Diese Welle ist nun in der Deutschschweiz angekommen, dank Serien wie ‹Der Bestatter›, ‹Wilder› und ‹Seitentriebe.»

Bankgeheimnis endlich Thema

Das Serienformat habe laut Rohrer zuletzt an Dynamik gewonnen. Denn die Serienmacher hätten sich an brisante Themen herangewagt, von denen andere lange die Finger liessen. Zum Beispiel an die Aufhebung des Bankgeheimnisses. «Lange wurde moniert, dass es dazu kaum Filme gibt, jetzt laufen in Solothurn zwei Serien: ‹Quartier des banques› von Fulvio Bernasconi und der Zweiteiler ‹Private Banking› von Bettina Oberli.»

Trotz langer Entwicklungszeit hätten beide Projekte nichts von ihrer Brisanz eingebüsst – im Gegenteil: Als Rohrer ‹Private Banking› sah, habe sie sofort an den Paradise-Papers-Skandal denken müssen.

Jetzt auf

Besonders gespannt ist die Filmtage-Direktorin darauf, wie die vierteilige Miniserie «Ondes de choc» bei den Besuchern ankommt. Verantwortet wird sie vom Westschweizer Autorenkollektiv um Ursula Meier, Jean-Stéphane Bron, Lionel Baier und Frédéric Mermoud – das sonst vornehmlich für Kinofilme bekannt ist.

«Serielles Erzählen gilt als neue Form des Autorenkinos», sagt Rohrer. «Das ist ein internationaler Trend, der definitiv in der Schweiz angekommen ist.» Bei «Ondes de choc» haben Meier, Bron, Baier und Mermoud jeweils eine der vier Episoden verantwortet. Jede erzählt eine eigenständige Geschichte mit eigenen Darstellern. Was sie verbindet: Es geht immer um einen extremen Gewaltakt und um die Schockwellen, die er durch das Leben der Beteiligten sendet.

Lionel Baiers Folge beispielsweise erzählt von einem Jungen, der von einem Massenmörder gefoltert und vergewaltigt wurde – und dann glaubt, dieses Trauma nur mithilfe seines Peinigers überwinden zu können.

Für ihre «Ondes de choc»-Episode hat Ursula Meier erneut mit ihrem «Home»- und «Sister»-Hauptdarsteller Kacey Mottet Klein zusammengespannt. Er spielt nun einen 18-Jährigen, der seine Eltern tötet und die Tat einer Lehrerin (Fanny Ardant) gesteht, die sich dann selber Vorwürfe macht. «Es sind aufwühlende, heftige Geschichten», sagt Rohrer. «Das serielle Erzählen wurde nicht erst jetzt entdeckt – aber was die Tonalität und Abgründigkeit angeht, wurde die Schraube deutlich angezogen.»

«Wunderbare Langzeitstudie»

Alles ein bisschen krass? Das gerade aufblühende helvetische Serienschaffen bringt auch Stoffe hervor, die leichter zu verdauen, aber deswegen nicht weniger innovativ sind, so Rohrer. Sie meint damit «Seitentriebe», eine achtteilige Serie über Sex in Langzeitbeziehungen, die an den Filmtagen uraufgeführt wird, bevor sie ab Februar im Schweizer Fernsehen läuft. «Es geht darin um jene Lebensphase, in der nicht mehr alles neu ist, in der man nicht mehr frisch verliebt ist. Güzin Kar schaut ganz genau hin und kostet das auf sehr unterhaltsame Art aus.»

Als Serien-Highlight in Solothurn nennt sie ausserdem «Roman d’adultes – sur le chemin de l’indépendance». Der dokumentarische Zweiteiler von Béatrice und Nasser Bakhti knüpft an die sechs Episoden «Romans d’ados 2002–2008» an, die 2011 an den Filmtagen für Furore sorgten. Die fünf Jugendlichen, die die Filmemacher damals durch deren Pubertät begleiteten, stehen nun erneut vor der Kamera und berichten von ihren Erfahrungen als junge Erwachsene. «Das ist eine wunderbare dokumentarische Langzeitstudie», schwärmt Rohrer.

Ist die Filmtage-Direktorin etwa ein Serienjunkie? «Nein, dazu fehlt mir die Zeit», sagt sie und lacht. Sie schaue zwar in viele Serien hinein, bleibe aber bei den wenigsten hängen. «Es muss mich ab der ersten Folge packen. Wenn mir jemand sagt, ich müsse zwölf Stunden dranbleiben, bis es interessant wird, steige ich aus.» In dieser Zeit schaut Seraina Rohrer lieber Filme. De sind und bleiben das Kerngeschäft der Filmtage.

Solothurner Filmtage: 25. 1.–1. 2. 2018.

von Lory Roebuck