shopping-cart-1827716_1920
Foto: Pixabay
Schweiz am Wochenende

Ausgerollt und ausrangiert: Tschüss Einkaufswägeli – verstaubt es im digitalen Zeitalter als Retro-Gefährt?

Der Einkaufswagen wird 80. Er kurbelte als rollende Revolution den Konsum an. Zeig mir deinen Einkaufswagen, und ich sag dir, wer du bist! Das Wägeli galt in der Nachkriegszeit als Statussymbol. Doch seine Tage scheinen gezählt. Zeit für eine Würdigung.

Kinder strahlen, wenn sie den Einfränkler mühsam rausgeklaubt haben und fürs Kässeli behalten dürfen. Wenn sie eine Süssigkeit in den Wagen schmuggeln und es bei der Kasse zu spät ist, enttäuscht zu werden. Jugendliche entführen ihn und chauffieren Bier und Chips wagemutig direkt zum Grillfest oder deponieren ihn als Zeichen von (Anti-)Konsum mitten in der Stube. Erwachsene stossen ihn stolz vor sich her (alles Bio, alles gesund, guckt doch!), oder schupfen einen, der sich dominant vor dem Regal positioniert hat mit einem noch dominanteren «Äxgüse» zur Seite.

Unser liebes Einkaufswägeli. Zum engmaschigen Korb aus Stahldraht auf Rollen hat jeder eine Meinung. Oder eine Erinnerung. Wer nicht auf dem Land lebt oder eine Grossfamilie ernährt, stöpselt immer seltener ein Wägeli los. Unser Einkaufsverhalten entwickelt sich weiter, und das färbt auf die Daseinsberechtigung des Einkaufswagens ab. Sind die Tage des Chrom-Wägelis gezählt?

Jetzt auf

Heute gilt beim «Poschte»: schnell, wenig, oft. Das ist das Einkaufsverhalten der Jungen-arbeitenden-städtischen-Singlehaushalt-Generation. «Heute wird spontaner eingekauft», sagt Martin Hotz vom Marktforschungsunternehmen Fuhrer & Hotz, spezialisiert auf Detail- und Grosshandel. Hotz spricht vom unberechenbaren Konsumenten. Dieser würde vagabundieren. Das heisst: keine Treue dem Einkaufsort, keine Treue gegenüber Marken.

Relikt aus der Nachkriegszeit

Ja und eben auch keine Treue dem Wägeli. Wer sich abends in einem Mini-Laden eindeckt, braucht keinen sperrigen Wagen. «Dort sind Einkaufswagen Tabu. In diesen Geschäften hat der Einkaufswagen keine Zukunft», resümiert Hotz. Das Wägeli quasi als Retro-Objekt, als Relikt des Nachkriegsbooms. Neben dem Mini-Einkauf macht auch die verkleinerte Ladenfläche dem Wagen den Garaus.

Laut Hotz geht der Trend Richtung kleine Läden. Kleine Fläche, Convenience-Angebot, ausgedehnte Öffnungszeiten. Das beweisen Untersuchungen. «Die Schweiz ist sogar overstored, was das Verhältnis der Nachfrage zur Verkaufsfläche betrifft», sagt Hotz. Der Detailhandel ist unter Druck, der Wert des Einkaufs nimmt gemäss Hotz ab. Seit zehn Jahren verändert sich das Einkaufsverhalten der Konsumenten massiv. Der Schweizer kauft weniger ein.

Auch Wirtschaftspsychologin Anne Hermann von der Fachhochschule Nordwestschweiz sieht das Wägeli unter Druck. «Die Konsumenten neigen dazu, häufiger ein Lebensmittelgeschäft zu besuchen, jeweils aber weniger zu kaufen», erklärt sie. Darauf haben die Lebensmittelketten reagiert. «In den kleineren Geschäften trifft man tatsächlich kaum noch Einkaufswagen: die engen Gänge machen es unmöglich, die eher kleineren Einkaufsmengen unnötig.»

Auch der Online-Handel erschwert das Leben der Einkaufswagen und könnte diese bald verdrängen. Der Shopper bedient sich zunehmend aus dem Netz. Elektronik, Mode, Haushaltsgeräte.

Wie konnte es nur so weit kommen, war doch die Erfindung des Einkaufswagens eine rollende Revolution. Ausgelöst vom Amerikaner Sylvan Goldman. Er war es, der vor 80 Jahren den Einkaufswagen in Oklahoma City erfand. Eine Wende in der Einkaufswelt. Das sagt auch Hotz und schiebt nach: «Heute wäre das nur ein Lüftchen.» Der Geschäftsmann wollte, dass die Kundschaft in seiner Supermarkt-Kette Humpty Dumpty mehr einkauft. Sein Einfall: Zwei Klappstühle mit Rollen und ein Warenkorb auf der Sitzfläche. Stolz verkündete er: «Es ist neu – es ist sensationell.»

Die Einführung war ein Flop. Die Männer wollten nicht als Weicheier gelten, die Frauen hatten das Gefühl einen Kinderwagen vor sich her zu schieben, und modisch war das Drahtgestell auch nicht. So engagierte der tüchtige Geschäftsmann Models, die den ganzen Tag Wägeli durch die Läden schoben. Es funktionierte, 1940 meldete er das Patent an.

In den 50er-Jahren rollte die Revolution auch in die Schweiz. Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler sah die Helfer in den USA und führte die ersten 1959 in einer Filiale in Zürich-Höngg ein. Dies war nur eine logische Konsequenz seiner eingeführten Selbstbedienung. Das Einkaufserlebnis war geboren.

Ein Zeichen für Wohlstand

Das «Migros-Magazin» widmete dem Einkaufswagen vor zwei Jahren eine vierteilige Serie. Dort ist zu lesen, dass Duttweiler 1948 den Selbstbedienungsladen in der Schweiz einführte. Die Kunden konnten die Waren selbst aus dem Regal nehmen und in Drahtkörbe legen. Und bald eben in den Wagen. Die Vorzüge waren damals schon bekannt: Taschenhalter, Regenschirm-Ständer, kein schweres Schleppen mehr und Kindersitz (damit Mami!!! mit beiden Händen einkaufen kann).

Der Einkaufswagen war ein Zeichen für Wohlstand. Der Krieg war vorbei, die Kunden hatten mehr Geld, kauften grössere Mengen an Waren ein. Auch die Grösse der Wagen wuchs. «Je grösser der Wagen, desto mehr wurde eingekauft. Man wollte die Leute verführen», sagt Martin Hotz. Ein leerer Wagen signalisierte seinem Benutzer: He, hier ist noch unendlich Platz, mach mich voll! Zudem wollten die Leute nicht knausrig wirken. Und ja nicht zu viele Eigenmarken einladen. Früher, so Hotz, habe sich der Konsument noch mehr geniert, auf die Etikette geachtet. «Man konnte auch sagen: Zeig mir deinen Einkaufswagen, und ich sag dir, wer du bist.»

Heute sei es uns egal, wenn man in unseren Wagen schaue. Oder eben in den Korb. Ist das eigentlich eine Rückentwicklung? Vom Korb zum Wagen zum Korb?

Dieses Körbli, das drängt den Wagen weg. Und erst diese Zwitter! Ein grösseres Körbchen mit Mini-Plastik-Rollen und diesem langen Bügel. Dabei ist doch davon auszugehen, dass diese Art von Einkauf stressiger und teurer ist. Und es sinnvoll wäre ein- bis zweimal die Woche einen Grosseinkauf (mit Wägeli!) zu machen.

Klar, samstags wimmelt es von Familien und Rentnern. Aber lieber einmal in der Woche Geschrei und Überalterung zwischen den Regalen als jeden Abend genervt und müde mit 100 andern schwitzenden Feierabendlern durch enge Geschäfte drängen, um Ungesundes zu kaufen und das in ein versifftes Körbli zu packen. Kaum zu Hause, oder schon aus den Säcken, stopft man den Convenience Food in sich hinein, während man sich über die kleine Auswahl ärgert und einem der beissend-lähmende Geruch von Aufbackbrötchen immer noch zwischen den Nasenhaaren hängt.

Wer täglich nach Lust und mit Heisshunger durch den Laden streift, packt mehr ein als gewollt – vor allem Unnötiges. Wäre man einmal mit Plan und Liste zwischen den Regalen unterwegs, hätte eine Idee, was man die nächsten Tage kochen könnte, käme das auch dem Portemonnaie zugute.

So erfasst uns heute die Wehmut, wenn wir Einkaufswagen mit verdrehten, blockierten und verrosteten Rädern gelangweilt in der Gegend rumstehen sehen. Die Migros gibt an, dass pro Jahr rund 2500 geklaut werden. Sie werden mit Erde und Blumen zum Beet umfunktioniert, mit Polstern zum Kinderwagen oder landen auf dem Grund von See und Fluss. Mit einem Ein- oder Zweifränkler macht man für einen Wagen, der bis zu 300 Franken kosten kann, auch ein feines Geschäft.

Weltmarktführer ist die deutsche Firma Wanzl. Die Metallfabrik aus Leipheim bei Ulm produziert jährlich rund zwei Millionen Stück, und über 25 Millionen Exemplare sollen gemäss dem Magazin «Brand Eins» insgesamt unterwegs sein. Die Migros hat im ganzen Land 150 000 Wägeli im Umlauf. Herr der Flotte ist ein gewisser Schnellmann, erfährt man in der Migros-Serie. Und: Würde man alle aneinanderreihen, wäre die Kette 150 Kilometer lang. Das ist die Luftlinie zwischen Bern und St. Gallen. Coop teilt mit, über 100 000 Einkaufswagen im Einsatz zu haben (Luftlinie Aarau–St. Gallen).

Wenigstens als Symbol

Ende Mai postete die Migros ein amüsantes Video aus einer Filiale in Lenzburg AG. Man könnte fast meinen, der Detailhändler wolle dem Wägeli auf diese Weise wieder Raum bieten. Ein Mitarbeiter stellt den Fahrzeug-Park vor, insgesamt neun unterschiedliche Modelle. «Mit welchem Einkaufswagen kurvst du am liebsten durch die Migros?», wird gefragt. Und siehe da, die Nutzer fangen eine rege Diskussion an über Trennwände für Joghurts, über die Liebe zum Wagen mit Zwillingssitzen und den Sinn des Rollstuhl-Andockers.

Ein Liebling ist auch der kleinste Wagen im Rennstall. Das Kinder-Einkaufswägeli. Mancherorts werden auch grosse Kunden mit dem Wagen mit Stange und Wimpel gesichtet. Übrigens passt sich die Wagenflotte der Bevölkerung an. Dort, wo viele Familien einkaufen, gibt es grössere Modelle, die bis zu 220 Liter fassen. Der EL212 ist so etwas wie der Van. Für die Stadt gibt es kleinere, wendigere Modelle. Die Draht- oder – mittlerweile des Öfteren – auch Plastikkörbe auf Rollen sind auch Länderspezifisch. Wen wunderts, Ami-Schlitten haben doppelt so viel Fassungsvermögen. In Südeuropa sind die Wagen deutlich kleiner, da es an jeder Ecke einen Supermarkt gibt.

In Frankreich und Portugal testet man gerade Einkaufsroboter auf Rädern. Ein Wagen, der mitdenkt, rechnet, redet und vor allem: selbst fährt. Auch die Wagen der Zukunft werden bald smart: Wagen mit integriertem Tablet, sprechendem Einkaufsassistenten, Navigationshilfe. Und auch wenn wir am Ende Eier und Milch online bestellen und uns die Drohne alles heim liefert, bleibt der Einkaufswagen in unserem Kopf. Wenn auch bloss als Symbol. Denn wohin legt man die im Onlineshop ausgewählten Waren? Genau, in den Einkaufswagen.

Von Alexandra Fitz

Quelle: Schweiz am Wochenende