Frust in Stadt Zürich

«Vermieter wollen Singles statt Familien – das macht uns fertig»

Cora Olpe und ihr Mann scheitern auf der Wohnungssuche oft auch an Angeboten, die keine Familien wünschen. Sie verstehe nicht, warum andere mehr Anrecht auf eine grosse Wohnung hätten, sagt Cora Olpe. Der Zürcher Hauseigentümerverband beschwichtigt.

Eine bezahlbare Wohnung in der Stadt Zürich zu finden, braucht viel Nerven. Etwa weist die Stadt Zürich mit 8,2 Prozent auch den höchsten Mietpreisanstieg auf. Cora Olpe und ihrem Mann ist der Geduldsfaden bald gerissen. «Seit fast drei Jahren suchen wir in der Stadt Zürich erfolglos eine Wohnung zu einem fairen Zins», sagt die 30-Jährige.

Zurzeit wohnt Olpe mit ihrem Mann und der zweijährigen Tochter im Zürcher Enge-Quartier in einer 3,5-Zimmer-Wohnung mit einem Mietzins von rund 3000 Franken pro Monat. Das Zügeln war eine Hauruckübung. «Wegen Corona konnten wir keine Wohnung besichtigen», erinnert sie sich. Sie hätten eine schöne Wohnung gefunden, aber es sei auch die erstbeste und sie sei nicht günstig.

«Dafür ist unsere Wohnung zu klein und zu teuer»

Bis 2020 studierte und wohnte Olpe in England, woher ihr Mann stammt. Nach Zürich zog das Paar, weil Olpe an der Universität Zürich einen Job in der Forschung erhielt. «Ich liebe meinen Job, aber es ist nicht der bestbezahlte», betont die promovierte Forscherin. Sie verdiene weniger als etwa eine Gymi-Lehrperson.

Hat das Paar einmal eine ideale Wohnung entdeckt, scheitert die Zusage aber oft nicht nur am Budget. Immer wieder stehe in den Inseraten für 4,5-Zimmer-Wohnungen, dass keine Familie erwünscht sei, sagt Cora Olpe. «Das macht uns jedes Mal richtig fertig», empört sie sich. Sie verstehe nicht, warum Singles oder Paare mehr Anrecht auf eine grosse Wohnung hätten als eine junge Familie.

Die Zürcherin und ihr Mann hätten eventuell gerne ein zweites Kind. Auch wollen sie die Familie des Mannes beherbergen können, wenn diese in der Schweiz zu Besuch ist. «Dafür hat unsere Wohnung zu wenig Zimmer und ist zu teuer», sagt Olpe. Die Familie bei jedem Besuch in ein Hotel zu schicken, sei auch keine Lösung. «In Zürich sind auch die Hotel-Übernachtungen teuer.»

Es gehe um Schutz der Seniorinnen und Senioren

Der Zürcher Mieterverband bestätigt, dass Familien in der Stadt Zürich bei der Wohnungssuche oft auch scheitern, weil Vermietende Paare oder Singles wünschen. «Es ist bekannt, dass es Familien schwer haben, im Kanton Zürich eine Wohnung zu finden. Dies hat unter anderem mit den hohen Preisen zu tun», sagt Walter Angst, Kommunikationsleiter des Zürcher Mieterinnen und Mieterverbands. Doppelverdiener seien zahlungskräftiger. Gegen Absagen bei der Wohnungssuche könnten sich Interessenten nicht wehren. Der Vermieter sei frei bei der Auswahl. «Persönliche Kontakte helfen bei der Wohnungssuche.»

Du willst keine News mehr verpassen? Hol dir jetzt die Today-App:

Der Zürcher Hauseigentümerverband reagiert erstaunt auf den Vorwurf, dass Familien nicht willkommen seien. «Das ist höchstens der Fall, wenn es sich zum Beispiel um eine Liegenschaft mit vielen älteren Leuten handelt», sagt Direktor Albert Leiser. Solche Inserate richteten sich nicht gegen die Familie. «Es geht um den Schutz der Seniorinnen und Senioren.» Zudem sei den Familien auch nicht gedient, wenn sie eine Wohnung zwar erhielten, die Nachbarschaft dann aber dauernd reklamiere.

Auch am Wochenende zur Arbeit gehen

Grössere Chancen auf eine Familienwohnung hätten die Olpes, wenn sie ihre Suche auf den Kanton Zürich ausweiten würden. Wohnen ausserhalb der Stadt kommt für die Familie aber nicht infrage. «Ich muss oft auch an den Wochenenden kurz an die Uni gehen, um dort meine Zellkulturen zu betreuen, arbeite also fast jeden Tag», sagt Cora Olpe, die mit einem 90-Prozent-Pensum in der Spitzenforschung tätig ist. «Habe ich einen langen Arbeitsweg, ist meine Lebensqualität am Boden.»

Inzwischen sucht die Familie in der Stadt Zürich vor allem eine Genossenschaftswohnung. Zuvor hätten sie gezögert, sagt Olpe. «Wir dachten, dass man bei Genossenschaften sowieso nur Chancen hat, wenn man dort sozusagen hineingeboren wurde.»

Im Sommer berichtete ZüriToday über einen Familienvater, der ein Inserate-Abo für Genossenschaftswohnungen anbietet. Inspiriert davon, haben die Olpes ihr eigenes Suchabo namens «GenossenSchaffen» kreiert. «Damit wollen wir uns und anderen Familien in einer ähnlichen Situation helfen», sagt Olpe.

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 30. Oktober 2023 07:00
aktualisiert: 30. Oktober 2023 07:00