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Schweiz am Wochenende

Neun Jahre und schon auf Instagram: So werden Kinder im Netz vermarktet

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Dieser Artikel erschien ursprünglich in die "Schweiz am Wochenende".

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Kinder sind die neuen Werbeträger im Netz. Eltern fördern das, Experten warnen davor.

Früher reichten ein pinkfarbener Lippenstift-Mund, eine Modeschmuckkette, ein paar zu grosse Pumps und ein Kleid, das man zweimal um den eigenen Körper wickeln konnte (alles von Mama gemopst natürlich), um als kleines Mädchen im siebten Himmel zu sein. Heute geben sich manche Mädchen damit nicht mehr zufrieden. Oder Eltern. Anstatt durch die heimische Stube zu wanken, stöckeln die Kinder direkt in die Weiten des Internets. Um sich auf der Bühne von Instagram und Co. beschauen, beliken, verherzeln und verkommentieren zu lassen. Es sind Insta-Kids. Kinder, die teilweise schon ab drei Jahren von ihren Eltern vor die Kamera gezerrt werden, um deren Instagram-Account zu füttern. In den USA zumindest. Von dort stammt der Trend. Und der schwappt jetzt in die Schweiz.

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Alina ist neun Jahre alt und lebt in Solothurn. Lange braune Haare, blaue Augen, eine Schwäche für Ragusa-Riegel und farbige Eisdrinks sowie ein Herz für ihre Katze – ein ganz normales Mädchen. Auf den ersten Blick jedenfalls. Auf den zweiten wird klar: Was Alina tut, manchmal auch wo sie es tut, was sie liebt und was nicht, wissen mindestens 9468 Menschen. So viele Anhänger hat sie auf Instagram.

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Das Mädchen ist ein Insta-Kid. Seit bald einem Jahr postet es aus seinem Leben. Oder besser: seine Eltern. «Ich und mein Mann haben die Hand über allem», sagt Mutter Carolin. Sie entscheiden, welche Fotos online gehen. Sie managen auch die Anfragen von Unternehmen, die möchten, dass das Kind deren Produkte bewirbt. Mittlerweile sind es einige pro Monat. Mal streckt das Mädchen Flaschen mit Körpercreme in die Kamera, mal führt es Boutique-Kleider vor, mal lächelt es aus dem Cockpit eines Helis der Schweizer Luftwaffe. Posieren, das ist Alinas Alltag. Bislang fliesst noch kein Geld, wie die Eltern sagen. Alina darf lediglich die Produkte behalten. Das kann sich aber schnell ändern. Jedenfalls arbeiten Mutter und Vater kräftig an der Vermarktung. Das geht auch aus ihrer Antwort-Mail auf unsere Interviewanfrage hervor, mit der sie sich der Publicity für ihr Kind vergewissern wollen: «Wird der Account unserer Tochter in Ihrem Artikel auch erwähnt?»

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Youtube-Mutter verdient an Kind

Alina ist nicht das einzige Insta-Kid in der Schweiz. Neben dem durch die Medien bekannt gewordenen Ardi ist sie ein kleines Licht. Der Blog-Fashionstar aus Bern hat rund 131 000 Follower. Im Dezember wird er fünf. Im gleichen Alter ist auch Laney. Sie hat keinen eigenen Instagram-Account, Blog oder Youtube-Kanal. Dafür ihre Mutter Anne Estermann. Die selbst ernannte «Erste Youtube-Mama der Schweiz» verdient ihr Geld mit Videos über das Thema Muttersein. Auch sie vermarktet Produkte, wie in einem Video für eine Kampagne des TCS zu sehen ist. Mit dabei: ihre kleine Tochter. Offensichtlich gar nicht vom Dreh begeistert, wendet sich das blonde Mädchen immer wieder ab. Sucht nach Würmern am Boden, während die Mutter in die Kamera quasselt und versucht, die Kleine auf Linie zu bringen. Wie es zu dem Video kam, bleibt offen. Die Mutter nahm bis zum Redaktionsschluss keine Stellung.

Insta-Kids und Youtube-Moms sind kein weitverbreitetes Phänomen in der Schweiz. Eines aber, das Fachleute kritisch sehen. «Wenn ein Kind so gebraucht wird, um Werbung zu machen, sehe ich sein Interesse nicht gewahrt», sagt Laurent Sédano von Pro Juventute. «Vielleicht hat das Kind ganz andere Wünsche, als als Werbeplattform zu dienen.»

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Auch Gregor Waller hat Bedenken. Der Medienpsychologe zieht den Vergleich zu den Kinderstars aus den USA, die von ihren Eltern in die Filmindustrie gepusht werden – und später nicht damit fertig werden. Auch weil jeder Blog, jeder Instagram-Account im schnelllebigen Internetzeitalter ein Ablaufdatum hat. «Wenn die Aufmerksamkeit später wegfällt, und die Kinder gelernt haben, nur so etwas wert zu sein, können sich Depressionen, Essstörungen und Suchterkrankungen einstellen.»

Ein anderer Punkt: Die Insta-Kids könnten als erwachsene Männer und Frauen ihre jetzige Zurschaustellung bereuen. Alinas Mutter sieht das nicht so. «Die Idee für den Account kam von ihr aus.» Sie mache nur Sachen, die ihr Spass machten. «Alina weiss, was sie tut: Sie ist sehr reif für ihr Alter.»

Reif. So kommt sie auch auf einigen Fotos rüber. Alina, die mit rausgestrecktem Po posiert. Die ihre nackten Beine in knappen Shorts der Kamera präsentiert. Die mit halb offenem Lippenstift-Mund lasziv in den Spiegel blickt. Die Bilder fallen auf. Auch der Instagram-Community. Immer wieder wird in den Kommentaren gefragt: «Wie alt bist du?» Andere wiederum posten Flammen-Symbole und Herzen. Ausschliesslich Männer.

«Wir erhalten immer wieder eindeutige Mails von Männern», sagt Mutter Carolin. Einmal habe sie auch die Polizei eingeschaltet. Als ein älterer Mann sich als Kind ausgegeben hatte. Ein anderes Mal meldete sich ein selbst ernannter Fotograf, der Alinas Füsse fotografieren wollte. Solche Vorfälle machen die Eltern stutzig. «Wir haben Alina für einen Selbsthilfekurs angemeldet», sagt die Mutter.

Zoff in der Schule

Stefan Armenti, Vizepräsident der Kesb Region Solothurn, beurteilt die Fotos als Posing. Von Posing-Bildern spricht man, wenn bei den Aufnahmen die Genitalien nicht im Vordergrund stehen und keine sexuellen Handlungen angedeutet werden. «Mit den Instagram-Fotos allein gefährden die Eltern das Wohl von Alina noch nicht», sagt Armenti. «Ich bin aber erstaunt, dass die Eltern das Posing zulassen.» Und verweist auf die Bilder von dem Mädchen im Bikini. «Das ist grenzwertig.»

Ans Aufhören denken Mutter Carolin und Vater Sven nicht. Auch nicht, nachdem sie bei der Schulleitung antraben mussten. Eine Lehrerin hatte Alarm geschlagen. Sie machte sich Sorgen, dass die Neunjährige den Account ohne elterliche Aufsicht betreibt. Laut der Mutter hat sich das nun geklärt. Unklar bleibt, wie Alinas Status als kleiner Instagram-Star bei den Mitschülern ankommt. Mutter Carolin sagt nur: «Sie hat mehr Jungs-Freunde. Viele der Mädchen sind neidisch auf sie.»

Von Rebecca Wyss

Quelle: Schweiz am Wochenende 4.8.2017

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