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Foto: Keystone
Schweiz am Wochenende

Bei Ja zu No-Billag: Wären Serien wie «Der Bestatter» oder Kinohits wie «Die göttliche Ordnung» noch möglich?

Wegen der No-Billag-Initiative könnte die Industrie ihren wichtigsten Förderer verlieren. Wären Serien wie «Der Bestatter» und Kinohits wie «Die göttliche Ordnung» ohne Gebührengelder der SRG möglich?

Mit dem Schweizer Film ist es wie mit einem Stativ: Drei Beine muss er haben, sonst gerät er in Schieflage. Nun wackelt eines dieser Beine, das stärkste noch dazu: die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG). Jährlich investiert sie weit über 30 Millionen Franken in die Produktion von Schweizer Filmen und Serien. Das sind höhere Beträge als vom Bundesamt für Kultur und regionalen Förderinstanzen wie der Zürcher Filmstiftung – die beiden anderen Beine, auf denen das hiesige Filmschaffen steht.

Findet die No-Billag-Initiative eine Mehrheit, hätte das zur Folge, dass die Beiträge der SRG auf null fallen. «No Billag gleich No ‹Bestatter›», sagt Urs Fitze, Bereichsleiter Fiktion bei SRF. «Wir arbeiten bereits jetzt an der 7. Staffel der Serie. Wenn in der Abstimmung am 4. März ein Ja kommt, müssten wir am 5. März diese Arbeiten einstellen.»

Fördergelder verdreifacht
Die Zusammenarbeit zwischen der SRG und der Schweizer Filmbranche ist im «Pacte de l’audiovisuel» geregelt (siehe Grafik). Dieser Vertrag hält fest, wie viel Geld die SRG jährlich in die heimische Filmproduktion investiert. Der Betrag hat sich zwischen 1997 und 2016 von 9,3 Millionen Franken auf 27,5 Millionen knapp verdreifacht. Seit 2008 spricht die SRG ausserdem Mittel, die über den Pakt hinausgehen. Fitze nennt ein Beispiel: «‹Der Bestatter› und unsere ‹Tatort›-Filme werden ohne Pakt-Geld finanziert, insgesamt investiert SRF in diese Formate gegen 8 Millionen.» Fitze rechnet vor, dass die SRG jährlich sogar über 40 Millionen investiert. Ein Grossteil dieses Geldes fliesst in Fernsehproduktionen (siehe Kuchendiagramm oben rechts), die danach auf den Kanälen der SRG (also auf SRF, RTS und RSI) ausgestrahlt werden.

Daneben sind 9 Millionen Franken für die Mitfinanzierung von Kinofilmen reserviert, an denen sich die SRG als Koproduzentin beteiligt, Filme wie beispielsweise «Die göttliche Ordnung». Die SRG hat den grössten Schweizer Kinohit des Jahres ( 340 000 Zuschauer) mit 550 000 Franken unterstützt. «Ohne dieses Geld hätten wir keinen einzigen Schauspieler vor der Kamera, das Bild wäre sozusagen leer», sagt Lukas Hobi von Zodiac Pictures, der Produktionsfirma hinter «Die göttliche Ordnung». «Eine halbe Million Franken: So viel kostet im Durchschnitt ein ganzer Cast inklusive Statisten und Stuntleute.»

Jetzt auf

Verunsicherung in der Branche
Bei Zodiac herrsche wegen der No-Billag-Initiative Verunsicherung. «Ohne SRG könnten wir keine Filme vom Format von ‹Die göttliche Ordnung› mehr machen», sagt Hobi. Zodiac Pictures müsste dann vermehrt mit Privaten zusammenspannen. Solche Gespräche finden laut Hobi zwar immer wieder statt, doch der Produzent hat Bedenken: «Wenn wir von privaten Sponsoren abhängig sind, können sie den Filminhalt bestimmen. Dann gibt es vielleicht in jeder dritten Einstellung Productplacement, oder wir müssen die Filmhandlung so drehen, dass eine Firma in besonders gutem Licht erscheint.»

Zwar stellt bei Koproduktionen auch SRF Redaktoren, die den Film begleiten. Doch Hobi hält fest, dass Zodiac in jedem Fall das letzte Wort hat. Zusammen mit SRF produziert sein Produktionshaus derzeit den Schweizer Kinofilm «Papa Moll». Hobi bezeichnet die jahrelange Zusammenarbeit als sehr wichtig und meint damit explizit nicht nur die finanzielle Unterstützung, sondern auch die inhaltliche. «Dieses Know-how ist unerlässlich.»

Stichwort Know-how: Ohne SRG hätte Petra Volpe, Regisseurin und Autorin von «Die göttliche Ordnung», niemals einen so erfolgreichen Film hinbekommen, ist Hobi überzeugt. «Petra drehte zuerst drei Fernsehfilme für SRF. Dank dieser kontinuierlichen Arbeit konnte sie sich weiterentwickeln und sich das Rüstzeug fürs Kino erarbeiten.» Ähnlich klingt das bei Sabine Boss, der Regisseurin des Schweizer Kinohits «Der Goalie bin ig»: «Die Fördermittel der SRG waren sehr wichtig für meine Karriere. Nach der Filmschule gab mir das Schweizer Fernsehen die erste Chance, einen 90-Minüter zu drehen.»

Boss leitet seit 2017 auch den Studiengang Film an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Sie ist also zuständig für den Schweizer Filmnachwuchs, der ihrer Ansicht nach von einer guten Zusammenarbeit mit der SRG profitiert. «Die Redaktionen erkundigen sich regelmässig nach unseren Studenten», sagt Boss. Neben kleineren finanziellen Zuschüssen sei vor allem der inhaltliche Austausch wichtig, der Wissenstransfer. «Und dass SRF immer wieder Filme unserer Studenten in sein Programm aufnimmt.» Beim Thema No Billag redet sich Boss in Rage. Kein Wunder: Ihre Studenten erzielen derzeit grosse Erfolge. Lisa Brühlmann gewann mit «Blue My Mind» den deutschsprachigen Wettbewerb am diesjährigen Zurich Film Festival, Jan-Eric Mack für seinen Kurzfilm «Facing Mekka» einen Studenten-Oscar. In der Schweiz blüht gerade eine talentierte Filmnachwuchsgeneration auf, die wegen No Billag gleich wieder zu verwelken droht. «Das wäre eine Katastrophe», sagt Sabine Boss.

Das Katastrophenszenario
Neben der SRG ist der Bund, der jährlich 30 Millionen Franken investiert, der wichtigste Förderer des Schweizer Filmschaffens. Könnte er in die Bresche springen, wenn der Geldhahn SRG zugedreht würde? «Das wäre schwierig, der Spardruck ist überall gross», sagt Ivo Kummer, der Filmchef beim Bundesamt für Kultur. Im Fall einer Annahme der No-Billag-Initiative sieht er folgende Konsequenzen: Schweizer Filmschaffende müssten mit weitaus schlechteren Mitteln weitaus weniger Filme realisieren. So schlimm ist das nicht, könnte man einwenden, vielleicht setzt gerade diese Konzentration neue Energien frei. Kummer entgegnet: «Ob dieser Effekt eintritt, ist fraglich. Filme tragen zu unserer kulturellen Vielfalt bei. Und diese Vielfalt erreicht man nur mit einer kritischen Masse an Filmen.»

Kummer hat aber noch grössere Bedenken: «Wird die Initiative angenommen, wird die Schweiz zum Auswanderungsland für Schweizer Filmschaffende.» Seine Befürchtung: Wenn Schweizer beispielsweise nach Deutschland gehen und mit deutschem Geld Filme drehen, dann entstünden vor allem deutsche Stoffe. «Es ist wichtig, dass wir Schweizer Geschichten erzählen», so Kummer, «Geschichten über unser Leben und unsere Realität – und in unserer Sprache.» In diesem Punkt sind sich alle einig, Kummer, Urs Fitze, Sabine Boss und Lukas Hobi: Der Schweizer Film prägt die Identität unseres Landes mit. Das kann er nur mit drei starken Beinen.

von Lory Roebuck