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Schweiz am Wochenende

Vor gut 100 Jahren schien das Elektroauto Benziner zu verdrängen – es kam anders

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Dieser Artikel erschien ursprünglich in die "Schweiz am Wochenende".

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Um 1900 schien es, als könnten batteriebetriebene Autos das Rennen um die Dominanz der Strasse machen.

Sensationell! Zum ersten Mal hatte ein Automobil das Tempo von 100 Kilometern pro Stunde erreicht. Am Steuer: Camille Jenatzy, ein belgischer Ingenieur und Rennfahrer. Das Datum: der 29. April 1899. Das Fahrzeug: ein torpedoförmiges Ding mit zwei Elektromotoren. Jawohl, ein Elektroauto.

Es war die Zeit, als Dampffahrzeuge langsam, aber sicher – vor allem langsam – ihrem Ende entgegenfuhren. Ob sich Elektro- oder Verbrennungsmotoren durchsetzen würden, war offen. Doch die Elektromobile waren den Benzinern im Rennen um die Nachfolge der Dampffahrzeuge ein paar Jahre voraus.

Begonnen hatte es mit einem Dreirad, das ein Franzose namens Gustave Trouvé mit Elektromotoren versah. Dieses allererste Elektromobil — eigentlich ein E-Velo — präsentierte er 1881 in Paris. Das war vier Jahre bevor Carl Benz seinen ersten Benziner, ebenfalls ein Dreirad, baute.

So richtig in Fahrt kamen die Elektrofahrzeuge dann um die Jahrhundertwende. Ab 1897 kurvten erste motorisierte Taxis durch London und New York, selbstverständlich elektrisch angetrieben. Bald darauf folgten Wien und Berlin. Im Jahr 1900 verkehrten in den USA bereits ungefähr gleich viele Elektrofahrzeuge wie Dampffahrzeuge – sie waren noch deutlich zahlreicher als die Benziner. Auf der Weltausstellung in Paris gab im selben Jahr ein Fahrzeug zu reden, dessen Elektroantrieb von einem gewissen Ferdinand Porsche entwickelt worden war.

Störanfällige Busse in Berlin
Das Strassennetz war damals ausserhalb der Städte noch kaum ausgebaut. Niemand hatte den Anspruch, mit einem Automobil in die Nachbarstadt zu fahren. Die knappen Reichweiten der Elektrofahrzeuge waren deshalb noch kein Problem. In Berlin reichten die Batterien der ersten Busse im Jahr 1899 für sechs Fahrten zwischen Anhalter Bahnhof und Stettiner Bahnhof. Allerdings war die Technik nicht reif – wegen zu vieler Störungen wurde der Betrieb nach einem halben Jahr eingestellt; noch waren Pferde zuverlässiger.

Doch die Hoffnung war ungebrochen. Auch ein Schweizer mischte mit: Johann Albert Tribelhorn, aufgewachsen im Waisenhaus in St. Gallen, gelernter Maschinenschlosser. Er entwickelte selber einen Akkumulator und 1902 ein erstes Elektrofahrzeug. Daraus entstand eine Autofabrik mit diversen Modellen, vom Kleinwagen über den Hotelbus bis zum Lastwagen.

Parallel dazu kamen aber auch die Benziner auf Touren. Dass sie mehr Lärm machten als Elektromobile, dürfte die Fahrer kaum gestört haben – heutige Besitzer eines Sportwagens empfinden das Aufheulen ihres Motors schliesslich auch nicht als unangenehm. Und punkto Gestank waren die Elektrofahrzeuge nicht besser als Benziner: Den Bleibatterien entwichen Schwefeldämpfe, die den Passagieren von Elektrobussen unangenehm in die Nase stiegen.

Doch in erster Linie waren es die tieferen Kosten, welche die Verbrennungsmotoren auf Siegeskurs brachten. Neue Erdölfunde liessen die Preise für Benzin sinken. Tankstellen entlang dem wachsenden Strassennetz verhalfen den Benzinautos zu unbeschränkten Reichweiten. Und mit dem Ford Model T war es 1913 ein Benziner, der als erstes Auto ab Fliessband für das Volk erschwinglich wurde. Zudem kamen in den 1910ern elektrische Anlasser auf und beseitigten das grösste Handicap der Verbrennungsmotoren: das mühsame Ankurbeln. Um 1920 hatten die Benziner die Elektrofahrzeuge fast vollkommen von den Strassen verdrängt.

Erst als im Zweiten Weltkrieg der Treibstoff knapp wurde, besann man sich wieder auf alternative Antriebstechniken. Neue Hersteller von Elektromobilen traten auf den Plan, doch der Durchbruch gelang ihnen nicht. Zu schwer wogen die Nachteile wie die geringe Reichweite, der Mangel an Ladestationen und die lange Ladedauer im Vergleich zum Auftanken. 

Jetzt auf

Hayeks gescheiterter Plan
Ernsthafte Gedanken zur Elektromobilität machten sich Ingenieure und Unternehmer dann wieder ab den Achtzigern angesichts der Umweltverschmutzung. Als Swatch-Gründer Nicolas Hayek mit Daimler-Benz 1994 eine Firma gründete, die ein kleines, umweltfreundliches Auto entwickeln sollte, sah es beinahe aus, als käme die Elektromobilität wieder in Schuss. Doch noch war die Zeit nicht reif: Daimler-Benz wollte nicht auf Elektroantrieb setzen, worauf sich Hayek aus dem Projekt zurückzog. Das Ergebnis: der Smart – klein, aber nicht elektrisch.

Erst im 21. Jahrhundert gelang es Elon Musk, dort anzusetzen, wo Camille Jenatzy mit dem Geschwindigkeitsrekord im vorletzten Jahrhundert unterwegs gewesen war: beim höchst leistungsfähigen Sportwagen. Mit Musks Tesla-Modellen scheinen Elektrofahrzeuge nun tatsächlich Chancen zu haben, den hundertjährigen Rückstand im Rennen um die Vorherrschaft auf den Strassen aufzuholen.

Von Niklaus Salzmann

Quelle: Schweiz am Wochenende 22.9.2017

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