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Schweiz am Wochenende

Vertraut, aber trotzdem anders: So feiern die Schweden Weihnachten

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Dieser Artikel erschien ursprünglich in die "Schweiz am Wochenende".

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Wer in Stockholm weihnachtliches Flair abseits von touristischen Feierlichkeiten erleben will, kann online einen Besuch bei einer Familie buchen.

Vieles ist vertraut und einiges eben doch ganz anders an der schwedischen Weihnacht. Eine der schönsten Möglichkeiten, mehr über Traditionen und Festessen zu erfahren, ist ein Abend bei einer schwedischen Familie zu Hause – bei Barbro und ihrem Schwiegersohn zum Beispiel, bei denen man beim festlichen Menü ganz schnell vergisst, dass man sich eigentlich gar nicht kennt.

Als unwissender Gast fällt man den Schweden am Julbord, dem schwedischen Weihnachtsbuffet, schnell auf. Die Regeln sind klar: An der üppigen Weihnachtsvöllerei mit seinen sieben Gängen, die wie ein Buffet aufgebaut ist, geht es der Reihe nach. «Erst kommt der Hering, und schliesslich arbeitet man sich von Gang zu Gang bis zum Nachtisch vor», erklärt Barbro Andersson, die Gastgeberin, die an diesem vorweihnachtlichen Abend fremden Besuch zu sich nach Hause eingeladen hat. Ein Julbord gibt es zwar nicht. Das wäre viel zu aufwendig gewesen. Trotzdem hat sie für den kleinen Kreis ein paar Gänge zubereitet, die mit schwedischer Weihnacht zu tun haben.

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Eingefädelt wurde die Begegnung über den Veranstalter «A Slice of Swedish Hospitality», der über sein Netzwerk in ganz Schweden Treffen mit Einheimischen vermittelt – nicht nur zur Adventszeit, auch zum Midsommer-Fest, für gemeinsame Unternehmungen oder einfach nur so. Den Weg zu ihrem Zuhause hatte Barbro genau beschrieben. Und tatsächlich: Genau 24 Minuten vom Stockholmer Zentrum aus braucht die Strassenbahn, die mit jeder Station leerer wird. Das Ziel ist Hagsätra, ein Vorort mit modernen Wohnblöcken, wohin sich sonst kaum Touristen verirren – dazu gibt es auch keinen Grund. An diesem Abend lässt sich zudem kaum ein Bewohner auf der Strasse blicken. Draussen ist es frostig kalt und es liegt Schnee.

Zur Begrüssung gibts Glögg

Überall leuchten die typischen Papiersterne heimelig in den Fenstern. Einer davon gehört Barbro. Sie öffnet die Tür zu ihrer gemütlichen, warmen Wohnung: Sie ist eine Dame in den Siebzigern, hat graue, kurze Haare und eine markante Brille. Sie war verheiratet mit Hans, lebt aber seit dessen Tod vor vier Jahren allein in ihrer Neubau-Wohnung. Zur Verstärkung hat sie ihren Schwiegersohn eingeladen: Peter, 47, staatlich angestellt als Controller. In ihrer Gesellschaft fühlt es sich schnell so an, als würde man mit Freunden zusammensitzen. Es gibt eine Menge zu bereden – auf Englisch, das in der Runde für alle kein Problem ist. Es wird über Gott und die Welt gesprochen, zunächst vor allem aber über schwedische und andere Weihnachtsbräuche.

Zur Begrüssung schenkt Barbro eine Aufwärmrunde Glögg, schwedischen Glühwein, ein. Wie auf den Weihnachtsmärkten in der Stadt fliesst er auch bei ihr in homöopathischen Dosen ins kaum mehr als fingerhutgrosse Glas. «Glögg kann sehr stark sein – daher die kleinen Gläser», sagt sie lachend und schenkt gleich Glögg nach, in dem Gewürze sind. Zimt, Nelken, getrockneten Ingwer, Kardamom, Orangenschale, Rosinen legt sie für vier Tage in Schnaps ein. «Und das alles mische ich dann mit zwei Flaschen Rotwein und Zucker», erklärt sie und holt kurz darauf die Vorspeise.

Es gibt: Grünkohlsuppe, die lange Zeit zu den traditionellen Weihnachtsgerichten zählte. Sie wurde am Weihnachtstag oder dem Tag danach, dem sogenannten Annandagen, serviert. «Heutzutage wird sie seltener zum Fest gekocht», so die Schwedin, als sie Kelle für Kelle schöpft und halbe gekochte Eier dazu anbietet. «Damals gab es nicht so viel Gemüse zu der Jahreszeit, und der im Dezember nach dem ersten Frost geerntete Grünkohl sorgte für einen reicheren, intensiveren und leicht süssen Geschmack», erklärt sie mit dem letzten Löffel und verschwindet schon wieder Richtung Herd für die Hauptspeise: Kalbsbraten, dazu eine cremige Sauce, Gemüse, Kartoffeln und Barbros favorisierte Lingonbeeren-Marmelade. Ein typisches Sonntagsessen, das aber auch zu Weihnachten auf den Tisch kommt. «Truthahn ist sehr beliebt geworden als Festessen», sagt Peter. «Das haben wir von den Amerikanern übernommen.» Früher gab es bei Barbro zu Hause zum Fest-Mittagessen immer das volle Julbord, also das Weihnachtsbuffet, und dann wurden im Laufe des Tages die Geschenke unter den Baum gelegt. Einige von ihnen hatten Schildchen mit gereimten Versen, wie sich Barbro erinnert. «Wenn der Schenkende talentiert war. Mein Vater konnte gut reimen!»

Aufgewachsen ist Barbro auf einem Dorf namens Odensvi. Dort plünderten sie und die anderen Kinder im Januar den Weihnachtsbaum mit den daran hängenden Süssigkeiten. Dazu wurde im Kreis getanzt; das würde heutzutage zu Hause kaum noch jemand machen. Ausserdem erinnert sie sich daran, wie sie vor dem Weihnachtstag immer in ganz frische Bettwäsche schlüpfte und nicht schlafen konnte, weil sie wusste, dass ihre Mutter alle Dekorationen vorbereitete. «Am Morgen wurden wir dann von unseren Eltern geweckt – mit Kerzen, heisser Schokolade und Safranbrot.»

Traditionen aufrechterhalten

Als sie später selber eine Familie hatte, entwickelten sie ihre eigenen Rituale – ganz ohne Weihnachtsmann. «Ich denke, dass für eine Familie ein besonderer Wert darin liegt, Traditionen aufrechtzuerhalten und mehr oder weniger jedes Jahr gleich zu feiern.» Zu diesen Traditionen gehört für viele Schweden der Nachtisch: Rice à la Malta, ein typisches Dessert zum Weihnachtsfest. Es ist ein Milchreis, reich, süss und cremig, mit Zucker, Vanille und Sahne daruntergemischt und Orangenscheiben obendrauf. «Ich glaube, der Nachtisch geht zurück auf die Nachkriegszeit, als wieder Orangen erhältlich waren. Mit Malta hat er wahrscheinlich nichts zu tun, abgesehen davon, dass er mit Orangen serviert wird.»

Dann ist das Essen vorbei, der Abend klingt langsam aus, die Kerzen brennen herunter und die Rotweinflasche leert sich allmählich – bei Gesprächen über Fahrradwege in Stockholm, über Reisepläne, wer man eigentlich ist, was man so macht.

Es ist spät geworden. So spät, dass die Zeit nicht mehr reicht, den selbst gebackenen Pepperkorka, den Pfefferkuchen, zu verzieren. Stattdessen gibt ihn Barbro mit auf den Weg, bevor sie zum Abschied noch das Julbord schildert, das sie in Stockholm einmal erlebt hat. Wir sind nach dieser Tafel bestens gerüstet, um am nächsten Abend üppig vollverpflegt durch die Schären-Inseln zu schippern, zurück unter Stockholms Touristen – ohne als Julbord-Anfänger aufzufallen.

 von Sascha Rettig

Quelle: Schweiz am Wochenende 10.11.2017

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