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Schweiz am Wochenende

Die Frage nach dem richtigen Leben: Der Berg ruft wieder

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Dieser Artikel erschien ursprünglich in die "Schweiz am Wochenende".

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Die Berge entvölkern sich. Mit der Abwanderung zerfallen nicht nur die Häuser, auch die Kultur verschwindet. Doch es gibt eine Gegenbewegung. Paolo Cognetti hat die neue Sehnsucht nach dem Berg zu Literatur gemacht.

Wer von der Quaibrücke in Zürich nach Süden schaut, sieht bei klarer Luft am Horizont den Gletscher des Vrenelisgärtli leuchten. Wer mit dem Zug nach Bern einfährt, den zieht an bestimmten Tagen das Berner Dreigestirn von Eiger, Mönch und Jungfrau in Bann. Und in Mailand ist es je nach Ausrichtung der Strassen vielleicht die Grigna, ein Gipfel der Bergamasker Alpen, der sich gleich neben dem Comersee erhebt.

«Ihre Legende kannte ich genau», lässt der italienische Autor Paolo Cognetti seinen Erzähler Pietro sagen: «Die Grigna war einst eine wunderschöne, aber grausame Kriegerin, die ihre Verehrer mit Pfeil und Bogen tötete, weshalb sie von Gott zur Strafe in einen Berg verwandelt wurde.»

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Für Pietros Eltern war ihr Auftauchen «innerhalb der Windschutzscheibe» auf Familienfahrten im Auto immer ein «Moment der Gnade». Ein Verschnaufen inmitten des Verkehrs der Grossstadt, ihrer Arbeiterkämpfe, ihrer sozialen Missstände, ihrer vielen Menschen.

Für den kleinen Pietro in Paolo Cognettis Roman «Acht Berge» ist diese Sehnsucht zunächst noch unverständlich. Doch das ändert sich, als die Mutter ein Haus zur Miete ausfindig macht. Von da an verbringt Pietro seine Sommer in Grana, einem vergessenen Dorf in den Bergen des Aostatals unweit des vergletscherten Monte Rosa und entdeckt eine Landschaft, die für ihn immer mehr zur Seelenlandschaft wird.

Davon handelt Paolo Cognettis Buch. Es ist sein dritter Roman. 2017 wurde er in Italien mit dem renommierten Premio Strega ausgezeichnet. Die Übersetzungsrechte in mehr als 30 Sprachen und die Filmrechte sind vergeben. Es ist ein stilles Buch, mit dem der 39-jährige Autor in der immer schneller und hektischer werdenden Welt einen Nerv der Zeit trifft.

Alpweiden als Seelenlandschaft

Im Zentrum steht der Hirtenjunge Bruno, jüngster Einwohner Granas und das letzte Kind in dem von Abwanderung gezeichneten Dorf. Bruno ist gleich alt wie Pietro, die beiden freunden sich an, zusammen erkunden sie verlassene Ruinen, den Wildbach, versteckte Quellen und abgelegene Grate. Gemäss einer Theorie von Pietros Mutter hat jeder in den Bergen eine andere Lieblingshöhe – eine Landschaft, die ihm entspricht und in der er sich heimisch fühlt.

Für Pietro und Bruno ist es jene der Alpweiden, die Landschaft an der Grenze zur Unwirtlichkeit, wo die Bergbauern der Natur eine letzte Überlebensmöglichkeit abgerungen haben, ein auf die Essenz reduziertes Leben.

Schwierig wird es für die Freunde, als Pietros Mutter, von Beruf Sozialarbeiterin, Bruno nach Mailand mitnehmen will, um ihm eine Ausbildung zu ermöglichen. Nicht nur Pietro gerät in einen Zwiespalt: «Ich verstand einfach nicht, warum die Erwachsenen unbedingt etwas aus ihm machen wollten, das er gar nicht war. Was war schon dabei, wenn er für den Rest seines Lebens Kühe hütete? Dort oben sollte gefälligst alles so bleiben, wie es war.» Eine in den Sehnsüchten des kleinen Jungen begründete Reaktion. Sie verweist auf die zentrale Frage, die der Roman aufwirft: Wo ist der richtige Platz im Leben?

«Acht Berge» ist autobiografisch inspiriert. Aufschlussreich, aber für den Genuss des Romans keineswegs nötig, ist das erste auf Deutsch erschienene Buch des Autors: «Fontane No. 1. Ein Sommer im Gebirge». Tagebuchartig schreibt Paolo Cognetti darin, wie er nach einer Schaffenskrise aus seinem Mailänder Leben flieht und für die Dauer eines Sommers im Aostatal auf 2000 Meter Höhe eine Hütte mietet.

Die Auszeit hat den Charakter eines Experiments. Vor allem die Frage, wie er mit der Einsamkeit klarkommen wird, ist für ihn alles andere als gewiss. Um die Ängste zu überwinden, die ihn mit dem Einbruch der Dunkelheit befallen, unterwirft er sich auch mal einer Schocktherapie, packt seinen Schlafsack und übernachtet draussen.

Aussteiger auf Zeit

Erkennbares Vorbild für «Fontane No. 1» ist der US-amerikanische Schriftsteller und Philosoph H. D. Thoreau (1817–1862), der für zwei Jahre in eine Blockhütte zog und verkündete: «Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, dem eigentlichen, wirklichen Leben näherzutreten. Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde.» Cognetti lehnt sich mit «Fontane No. 1» auch formal an Thoreau an, der seine Erfahrungen in «Walden» gefasst hat, einem Buch, das zur Ökobibel für Aussteiger wurde. Cognetti zitiert den Naturphilosophen und macht sich dessen Manifest zu eigen. «Ich bin ein Idealist» bekennt der 39-Jährige. Er selbst ist in der Welt herumgekommen, hat Mathematik studiert, eine Filmhochschule besucht, Dokumentarfilme gedreht und hat in New York und in Nepal gelebt.

Seit seiner ersten Auszeit lebt Cognetti nun schon seit zehn Jahren jeweils im Sommer in den Bergen. Die Zeit verbringt er mit Herumstreifen und Schreiben. Das klingt romantisierend. Doch Cognetti sagt, seit das Leben in Italien in den Städten so schwierig geworden sei, würden die Leute vermehrt zurück in die Berge ziehen. Er selbst träumt davon, einen Stall als Rückzugsort für Kunstschaffende herzurichten. Im vergangenen Jahr hat er sich an einem erstmals durchgeführten Literaturfestival beteiligt.

Auch in der Schweiz gibt es Bestrebungen, in den Bergregionen der Kultur jene Triebkraft zu geben, die die Landwirtschaft einst hatte. Davon zeugen viele kleine Initiativen, aber auch das Lesefestival BergBuchBrig, die Literaturfestivals Leukerbad und Gstaad oder das Kulturfestival Origen, das soeben mit dem Wakker-Preis ausgezeichnet wurde. Der renommierte Kulturgeograf Werner Bätzing hat sich zeitlebens für Wertschätzung und Erhalt der alpinen Kulturlandschaft starkgemacht. «Wir haben mit den Alpen mitten in Europa eine Landschaft, die deutlich macht, dass die Idee, wir könnten über die Natur einfach disponieren, eine Illusion ist», sagte er jüngst in einem Interview.

Frage nach dem richtigen Leben

«Ich kann in den Bergen leben. Und das ist gar nicht mal so wenig», lässt Cognetti seine Figur Bruno erkennen. «Acht Berge» verwebt die Frage nach dem richtigen Leben mit dem Porträt einer lebenslangen Männerfreundschaft, in die das Erbe der Väter hineinspielt. Nicht zuletzt besticht das Buch mit seinen Landschaftsbeschreibungen. Sie sind, so Cognetti, der Tatsache geschuldet, dass in den Bergen auch die Sprache konkret wird: «Weiter oben schwieg der Bach. Dafür hörte ich einen tieferen Ton: Es war der Wind, der in die Senke blies. Der See war ein Nachthimmel in Bewegung. Mir war, als könnte ich das Leben der Berge in Abwesenheit des Menschen sehen. Da wusste ich wieder, dass ich mich in ihrer Gegenwart niemals einsam fühlen würde.»

von Anne-Sophie Scholl

Quelle: Schweiz am Wochenende 19.1.2018

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