Flüchtete der Diktator durch seinen gigantischen Bewässerungstunnel?
Ghadhafis 6 km2 grosse militärische Anlage umfasst seine Residenz, Wohnhäuser, Zelte und die vermutete unterirdische Bunkeranlage: Festung Bab al-Aziziya in Tripolis.
Profilbild eines gesuchten Diktators: Muammar al-Ghadhafi. (Bild: Keystone )
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Die Nato weiss es jedenfalls nicht. «Wenn Sie erfahren, wo er ist, lassen Sie es mich wissen», hat Nato-Sprecher Roland Lavoie am Dienstag in Brüssel gesagt. Die Rebellen wissen es auch nicht. Ghadhafis Sohn Saif al-Islam sagte, dem Vater gehe es gut. Aber das muss man nicht glauben. Wo ist Muammar al-Ghadhafi?
Je länger der Kampf um Tripolis dauert, desto abenteuerlicher werden die Fluchtvarianten – falls das überhaupt noch ein Massstab ist. Südafrika – lange als Ghadhafi-freundlicher Vermittler tätig – hat inzwischen erklärt, man werde den «Revolutionsführer» nicht in ein Asyl ausfliegen. Die südafrikanischen Flugzeuge aus Djerba hat man angeblich zur Evakuierung eigener Diplomaten geschickt. Muammar al-Ghadhafi, «König der Könige Afrikas», ist am Kap weniger willkommen als gedacht. Selbst China hat sich auf die Seite der Rebellen geschlagen. Es bliebe Hugo Chávez, der in Libyen die Mächte des westlichen Imperialismus am Werke sieht. Aber Ghadhafi in Venezuela?
Naheliegender scheint vielen, dass der Diktator Tripolis gar nie verlassen hat, nicht mal Bab al-Aziziya – die riesige Festung, auf welche die Rebellen am Dienstag vorrückten. Wie viele Mauerringe und Bunkeretagen nach Monaten des Nato-Bombardements noch intakt sind, ist schwer zu sagen.
Ein eigener Operationssaal
Schweizer Konstrukteure hatten geholfen, die Anlage nach Ghadhafis Plänen zu gestalten, mit Schweizer Technik und bombensicheren Türen auszustatten, hatten Schweizer Boulevardblätter berichtet. Die italienische Zeitung «La Repubblica» hatte eine alte Schwarzweissaufnahme von Ghadhafis Büro veröffentlicht – mit dampfergrossem Schreibtisch, Fussmatten und Tüchern an der Decke. Eine Kommandozentrale im Beduinenstil. Irgendwo soll es ausserdem einen eigenen Operationssaal, eine Dusche und ein Bad mit goldenen Wasserhähnen geben.
Unterirdische Tunnel nun sollen Bab al-Aziziya nicht nur mit dem Hotel Rixos verbinden, wo das Regime ausländische Medien untergebracht hat und Ghadhafi irgendwann auftauchte, ohne dass jemand ihn durch eine Tür hätte gehen sehen. Ein gigantisches Tunnelsystem soll sich durch Tripolis ziehen, wichtige Städte verbinden.
Weite Teile Libyens sind unterhöhlt als Ergebnis des gigantomanischen, etwa 20 Milliarden Franken teuren Bewässerungsprojekts «Great Man Made River», das Ghadhafi 1984 in Auftrag gab. Der «grosse von Menschen gebaute Fluss» sollte eigentlich fossile Wasservorkommen unter der Wüste nach Tripolis und Benghazi leiten – in meterhohen und tonnenschweren Betonröhren. Europäische und koreanische Ingenieure halfen Ghadhafi beim Bau dieses Bewässerungsprojekts, das er gern als modernes Weltwunder präsentierte.
Planschen im künstlichen Fluss
Amerikanische Geheimdienste aber, so die britische Zeitung «The Daily Telegraph», vermuteten seit langem, dass die eindrucksvolle Anlage, die das Wasser auch reinigte, einen militärischen Nebennutzen hatte. Möglicherweise brachte Ghadhafi auf der Flucht vor den Nato-Bomben auch Panzer und Raketen unter die Erde, hiess es schon vor Monaten.
Vielleicht planscht Ghadhafi also mit nassen Füssen durch seinen künstlichen unterirdischen Fluss. Iraks Saddam Hussein wurde in einem Erdloch gefunden. Es wäre so oder so ein tiefer Fall.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.08.2011, 09:43 Uhr
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